DOSSIER SIHEM BENSEDRINE, JOURNALISTIN UND VERLEGERIN IN TUNESIEN
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Sihem Bensedrine gehört zu den schärfsten Kritikern des Regimes, obwohl sie damit ein großes Risiko eingeht. Im April 2000 wurde sie vor dem Haus des ebenfalls von der Regierung verfolgten Taufik Ben Brik verhaftet. Auf dem Weg zum Kommissariat wurde Sihem Bensedrine brutal geschlagen.
Nachdem Ende 2000 der tunesische Innenminister die Genehmigung für Bensedrines Zeitung „Kalima“ (Das Wort) verweigert hatte, umging die Journalistin die Zensur, indem sie ihr Magazin ins Netz stellte und unter der Adresse www.kalimatunisie.com veröffentlichte und noch veröffentlicht.
Die 51jährige Mutter von drei Kindern ist nach wie vor ein Angriffsziel des Regimes. Im Juni 2001 wurde sie am Flughafen Tunis verhaftet. Ihr wurde vorgeworfen, in einem Interview mit dem arabischen Fernsehsender „Al Mustaquilla“ in London „falsche Informationen zur Störung der öffentlichen Ordnung“ verbreitet zu haben. Sihem Bensedrine wurde sieben Wochen lang festgehalten und dann gegen Kaution vorläufig freigelassen. Anfang September letzten Jahres verhinderte die Polizei ihre Ausreise nach London zu einem erneuten Interview mit „Al Mustaquilla“. Nachdem die Journalistin im Dezember bei „Al Mustaquilla“ über die Bedingungen ihrer Haft im vergangenen Sommer berichtete, wurde ihr Auto beschädigt und ihre Telefonverbindungen gekappt. Das Verfahren gegen Sihem Bensedrine läuft derzeit weiter. Ihr droht das Übliche für Kritiker des Regimes – sechs bis sieben Jahre Gefängnis.
Seit dem 11. Juli 2002 ist Sihem Bensedrine für ein Jahr Gast der „Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte“.
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Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte
Online-Redakteurin aus Tunesien für ein Jahr Gast der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte
von Martina Bäurle, Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte, 11.07.02
Hamburg/Tunis/Tunesien
Sihem Ben Sedrine, Chefredakteurin der Online-Zeitung „Kalima“ und Generalsekretärin der „Beobachter zur Verteidigung der Pressefreiheit“ ist heute auf Einladung der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte in Hamburg angekommen. Ihre Zeitung „Kalima“ (www.Kalimatunisie.com) ist in Tunesien verboten und wird deshalb ausschließlich über das Internet verbreitet und gelesen. Sie schreibt darin über Menschenrechte, über Zensur und zivile Bürgerrechte.
Ihre mutige journalistische Arbeit und ihre unbeugsame Haltung brachten Sihem Ben Sidrine politische Verfolgung, Inhaftierung und Überfalle ein. Deswegen lädt sie die „Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte“, deren Vorstandsvorsitzender der Erste Bürgermeister Ole von Beust ist, für ein Jahr nach Hamburg ein.
Die Journalistin wurde am 26. Juni 2001 wegen angeblicher Diffamierung Tunesiens festgenommen, als sie gerade von einer zweiwöchigen Rundtour in Europa zurückkam, auf der sie öffentlich über die Verletzung der Bürgerrechte und die Unterdrückung der Meinungsfreiheit in Tunesien gesprochen hatte. Am 11. August 2001 wurde sie aus der Haft entlassen und am Tag ihrer Haftentlassung auf offener Straße von Maskierten überfallen und schwer verletzt.
Sihem Ben Sidrine hält auf internationalen Konferenzen in Paris, Genf und Madrid Vorträge über die Menschenrechtssituation in Tunesien. Die „Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte“ hofft, dass sie in Hamburg Kraft schöpfen, viele Kontakte knüpfen und ihre journalistische Arbeit hier fortsetzen kann. Die Journalistin wurde der Stiftung von „Reporter ohne Grenzen/ Berlin“ vorgeschlagen.
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Artikel Neunzehn
Manuskript vom: 7.1.2002 • 8:20 © 2002 DeutschlandRadio
Der tunesischen Journalistin und Verlegerin Sihem Ben Sedrine droht wegen kritischer Meinungsäußerungen ein Prozess
von Kyra Wolff
Ich habe im Moment kein Telefon, kein Fax, kein Handy, und der letzte Internetanschluss, den ich hatte, ist schon wieder blockiert. Alles ist gekappt, weil die Polizei in Tunesien auch die Filialen der Telefonfirmen überwacht. Es ist, als hätte man mich ins Mittelalter zurückbefördert, ohne jegliche Kommunikationsmittel. Ich muss überall persönlich hingehen, und die Leute, die mich kontaktieren oder mir etwas mitteilen wollen, müssen mir die Nachrichten persönlich überbringen. Ich versichere Ihnen, es ist extrem unangenehm, so von der Welt abgeschnitten zu sein.
Wie Sihem Ben Sedrine geht es vielen Regimekritikern in Tunesien. Neuerdings kann sie nicht einmal mehr von einer Telefonzelle aus bei Reporter ohne Grenzen oder der internationalen Föderation für Menschenrechte in Paris anrufen: Die Nummern sind von Tunesien aus blockiert. Sihem Ben Sedrine ist Journalistin und Sprecherin des verbotenen Nationalen Rates für die Freiheiten in Tunesien. Sie zählt zu den schärfsten Kritikerinnen des tunesischen Staatspräsidenten Zein El Abdine Ben Ali, der seit fünfzehn Jahren ohne demokratische Legitimation an der Macht ist und der kürzlich sogar die Verfassung ändern ließ, um ein viertes Mal Präsident werden zu können. Der tunesische Geheimdienst versucht, die oppositionelle Journalistin von der Außenwelt abzuschneiden, doch Sihem Ben Sedrine hat viele Unterstützer. Mit etwas Zeit und ein paar Tricks kommt unser Interview zustande - trotz der Polizisten in Zivil, die Sihem Ben Sedrine folgen, sobald sie ihre Wohnung im Zentrum von Tunis verlässt.
Ich habe mich irgendwie daran gewöhnt, überwacht zu werden. Wir fühlen uns in Tunesien ja alle wie in einem großen Gefängnis. Aber wenn sie sich direkt vor die Tür meiner Wohnung stellen und den Leuten sagen, dass sie nicht zu mir können, wird es unangenehm. Ich habe drei Kinder. Die beiden Ältesten leben woanders, damit sie nicht unter der Situation leiden. Die Jüngste ist dreizehn Jahre alt und wohnt bei uns. Ihre Freunde können sie nicht mehr besuchen, weil dann die Familien Ärger bekommen. Die Polizei hat meine Tochter bis in die Schule verfolgt; wohl um ihren Klassenkameraden und deren Eltern zu signalisieren, dass man mit Leuten wie uns nichts zu tun haben sollte.
Sihem Ben Sedrine kennt die ganze Palette der Methoden, mit denen das tunesische Regime Oppositionelle bekämpft: Durchsuchung und Schließung ihres Verlages, Drohungen gegen ihre Kinder, Diebstahl ihrer Autokennzeichen, manipulierte Pornofotos im Briefkasten. Jahrelang hatte die Journalistin Reiseverbot. Erst nach mehreren Hungerstreiks und internationalen Protesten erhielt sie ihren Reisepass. Jetzt sitzt sie wieder fest. Weil sie im tunesischen Auslandssender "Al-Mustakilla" in London Korruption und Folter in Tunesien angeprangert und sich gegen die Verlängerung der Amtszeit Ben Alis bis 2009 ausgesprochen hatte, wurde Sihem Ben Sedrine im vergangenen Juni am Flughafen in Tunis verhaftet. Einige Wochen später kam sie gegen Kaution frei und wartet nun auf ihren Prozess. Sie ist angeklagt wegen "Verleumdung zwecks Störung der öffentlichen Ordnung". Der Prozess gegen Sihem Ben Sedrine sollte im vergangenen Oktober beginnen, doch bislang gibt es noch keinen Verhandlungstermin. Wegen der aktuellen Nachrichtenlage erfuhr man in den letzten Monaten wenig über ihren Fall:
Das Regime Ben Ali hat von der globalen Situation profitiert. Es herrscht eine Art Psychose nach den Attentaten des 11. September. Die arabischen Diktatoren versuchen sich jetzt als Terrorismus-Bekämpfer darzustellen. Sie glauben, freie Bahn zu haben, sie fühlen sich weniger beobachtet, und wissen, dass der Westen sich weniger für sie interessiert, weil er genug mit sich selbst zu tun hat. Sie fühlen sich frei, die Verteidiger der Menschenrechte noch etwas mehr einzuschränken.
Wer Tunesien als Tourist besucht, kann sich kaum vorstellen, dass dort innenpolitisch Verhältnisse herrschen wie einst im Stasi-Staat: Es gibt kein Problem mit islamistischem Terror, der Lebensstandard der Bevölkerung ist der höchste in Afrika. Und doch wird in Tunesiens Gefängnissen gefoltert, verweigern die Machthaber der Bevölkerung elementare bürgerlichen Freiheiten, wie das Recht auf freie Meinungsäußerung und auf freie Wahlen. Tunesien ist per Assoziierungsabkommen an die Europäische Union gebunden und soll in den nächsten Jahren in die Mittelmeer-Freihandelszone eintreten. Im Rahmen des Barcelona-Prozesses sind verbindliche Menschenrechtsstandards für alle Partnerstaaten vorgeschrieben: doch die Mächtigen in der EU fordern die Einhaltung der Menschenrechte in Nordafrika nur zögerlich ein. Von Deutschland ist Sihem Ben Sedrine in dieser Hinsicht besonders enttäuscht. Deutsche Politikerinnen und Politiker ließen sich von der Propaganda des tunesischen Regimes einwickeln, so ihr Vorwurf.
Tunesien genießt ein positives Image im Westen, vor allem in Deutschland. Man sagt: Tunesien ist wirtschaftlich stark, die Frauen sind frei, es gibt Autobahnen, es ist sauber, die Sonne scheint, alles ist in bester Ordnung; folglich haben die Tunesier weder das Recht auf Freiheit noch auf ihre Würde. Das finde ich sehr schlimm, vor allem wenn man bedenkt, dass die Deutschen selbst unter einer Diktatur gelebt haben, in Ostdeutschland. Die Deutschen wissen, dass Autobahnen und gute Wirtschaftsdaten allein keine Demokratie machen.

