DR. ULRICH PALM, UNIVERSITÄT HEIDELBERG
Begrüßung und Gedenken
Sehr geehrte Damen und Herren,
eine Stiftung beruht meist auf einer Lebensleistung. Die Palm-Stiftung ist das Lebenswerk von Dr. Maria und Johann Philipp Palm. Im Mai dieses Jahres verstarb Philipp Palm nach kurzer, schwerer Krankheit. Die Satzungszwecke der ausschließlich gemeinnützigen Stiftung spiegeln sein Leben und seine Ideale wieder, die er mit seiner Frau Maria teilte. Die Stiftung unterstützt die Jugend-, Alten- und Behindertenhilfe und fördert die Erfüllung diakonischer und kirchlicher Aufgaben, wie es der festen Verankerung Philipp Palms in der evangelischen Kirche Württembergs entsprach. Mit dem Johann-Philipp-Palm-Preis für Meinungs- und Pressefreiheit wendet sich die Stiftung an die Öffentlichkeit. Der Preis steht für Familiensinn, wie Name und Bezug zeigen. Viel mehr ist der Preis aber Ausdruck einer Geisteshaltung. Philipp Palm war liberal im besten Sinn, wie es in der urchristlichen Pluralität des 1. Korintherbriefs zum Ausdruck kommt:
Auch von den Propheten lasst zwei oder drei reden, und die andern lasst darüber urteilen
(1. Korinther 14, 29)
Die Liberalität Philipp Palms beruhte nicht nur auf der regionalen Prägung durch das Remstal und Alt-Württemberg. Sie war insbesondere auch die Konsequenz aus den Schrecken der Naziherrschaft. Philipp Palm wusste aus ganz persönlicher Erfahrung, welche Bedeutung die freie Kommunikation für den Einzelnen und den demokratischen Staat hat. Geschichte mag sich nicht wiederholen. Es bedarf aber immer wieder Menschen – an verschiedenen Orten, zu verschiedenen Zeiten –, die das Recht auf freie Meinungsäußerung einfordern. Sehr verehrte Frau Mujahed, sehr geehrter Herr Duvanov – Sie sind hierfür herausragende Vorbilder. Philipp Palm, der kurz vor seinem Tod von der Entscheidung des Kuratoriums erfuhr, begrüßte es sehr, dass Sie die Preisträger des Johann-Philipp-Palm Preises 2004 sind.
Der kasachische Botschafter ist heute nicht anwesend. Er teilte uns mit, dass er die Ziele der Stiftung begrüße, und bot uns seine Kooperation an. Er brachte aber auch – auf eine bereits bekannte Art und Weise – zum Ausdruck, dass die Regierung Kasachstans, die in ganzseitigen Anzeigen für die demokratische Entwicklung des Landes wirbt, mit der Entscheidung des Kuratoriums nicht einverstanden sei. Herr Duvanov, Goethe fand hierzu bereits vor knapp zweihundert Jahren die richtigen Worte:
O Freiheit süß der Presse! [...]
Kommt, lasst uns alles drucken
Und walten für und für;
Nur sollte keiner mucken,
Der nicht so denkt wie wir.
(Zahme Xenien [II], J. W. v. Goethe (1749-1832)
Erlauben Sie mir, dass ich an dieser Stelle die letzte Strophe des Kirchenliedes "Alles ist an Gottes Segen" für unseren verstorbenen Vetter Philipp Palm wiedergebe. Dieses Kirchenlied war eines von zwei Lieblingsliedern des Buchhändlers Johann Philipp Palm, der unserem Preis für Meinungs- und Pressefreiheit den Namen gab. Kurz vor seiner Erschießung trug er seiner Ehefrau auf, ihren Kindern dieses Kirchenlied beizubringen. Die sechste Strophe lautet:
Soll ich länger allhier leben,
Will ich ihm nicht widerstreben,
Ich verlasse mich auf ihn.
Ist doch nichts, das lang bestehet,
Alles Irdische vergehet
Und fährt wie ein Strom dahin.
(EG 352, Verf. unbekannt, ca. 1673, aus dem Nürnberger Gesangbuch)
Im Anschluss spielt Jonas Philipp Palm im Andenken an seinen Großvater die Mozartfantasie in d-Moll. Das Musikstück war – in dieser Besetzung – Philipp Palms Lieblingsstück. Die weitere musikalische Umrahmung gestaltet Jonas Palm mit der Pianistin Tamilla Rasulova.
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OBERBÜRGERMEISTER WINFRIED KÜBLER, SCHORNDORF
Grußwort
Sehr geehrte Damen und Herren,
im Namen der Stadt Schorndorf möchte ich Sie alle sehr herzlich begrüßen und Ihnen danken, dass Sie mit Ihrer Teilnahme die Bedeutung des Preises zum Ausdruck bringen und außerdem die Stifterfamilie und vor allem natürlich die Preisträger ehren.
In der Reihe der bedeutenden Persönlichkeiten unserer Stadt ragt der 1766 hier geborene Johann Philipp Palm deshalb besonders heraus, weil sein Verhalten auch angesichts des drohenden Todesurteils bestimmt war und blieb von seiner Überzeugung, dass für Freiheit, Gerechtigkeit und damit letztendlich Frieden in Europa gekämpft werden muss und Verrat, der ihn vielleicht hätte retten können, für ihn nicht in Frage kam.
Der Johann-Philipp-Palm-Preis für Meinungs- und Pressefreiheit findet deshalb zu Recht weit über die Grenzen unserer Stadt hinaus Beachtung.
Während wir in der Bundesrepublik und in den meisten europäischen Ländern ein hohes Maß an Freiheit haben, unsere Meinung auch zu umstrittenen Fragen zu äußern, außerdem Presse, Rundfunk und neuerdings vor allem das Fernsehen ungehindert Meinungsbildung betreiben können, ist man in anderen Ländern noch weit davon entfernt.
Dort droht denjenigen, die abweichende Meinungen vertreten oder verbreiten, Gefahr. Sie setzen ihre körperliche Unversehrtheit und Freiheit aufs Spiel. Solche Menschen gilt es nach dem Willen der Stifter dieses Preises mit möglichst großer Öffentlichkeitswirkung und damit Bewusstseinsbildung zu ehren und gleichzeitig zu stärken.
Den Preisträgern möchte ich meinen großen Respekt und meine herzliche Gratulation aussprechen. Sie werden es als Träger des Johann-Philipp-Palm-Preises in Ihren Heimatländern bei denen, die Ihnen schon bisher feindselig oder mindestens kritisch gegenüberstehen, nicht leichter haben; aber Ihr gutes Beispiel wird andere ermutigen, es Ihnen gleich zu tun. Das ist wichtig, denn die Erfahrungen - auch der letzten Jahrzehnte - haben gezeigt, dass bei den Mächtigen und Einflussreichen die Mobilisierung weiter Bevölkerungskreise, die gemeinsam zwar energisch, aber gewaltlos für Freiheitsrechte eintreten, letzten Endes doch Wirkung zeigt.
Diesen katalysatorischen Effekt einzuleiten, ist eines der Anliegen des Johann-Philipp-Palm-Preises.
Das Verhältnis von Politik und Moral wurde auch in der Flugschrift angesprochen, die Palm 1806 zum Verhängnis wurde. Dort heißt es : "Ein Staat, dessen physische Kräfte nicht von moralischen aufgewogen und durch diese unterstützt werden, hat nicht die Hälfte der Hülfsmittel, die er zu seiner Erhaltung und fortschreitenden Wohlfahrth bedarf."
Meine Damen und Herren, wir haben am 14. Mai dieses Jahres unseren Schorndorfer Ehrenbürger Philipp Palm zu Grabe getragen. Er hat zusammen mit seiner Ehefrau Dr. Maria Palm diesen Preis gestiftet. Ihnen, verehrte Frau Dr. Palm, und ihrem verstorbenen Ehemann danke ich auch heute wieder für diese weitsichtige Initiative, weil sie die engagierte Anteilnahme Ihrer Familie am gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben unserer Stadt ausdehnt auf eine globale Wirkung.
Wer etwas erreichen will, sei es lokal oder global, muss gehört, gesehen oder gelesen werden. Auch das bewirkt der Preis.
Mit der Stiftung des Johann-Philipp-Palm-Preises für Meinungs- und Pressefreiheit wurde ein mutmachendes Signal gesetzt. Seien wir dankbar dafür.

