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Jamila Mujahed für das Magazin "Malalai", Afghanistan - Preisträgerin 2004

 

DOSSIER JAMILA MUJAHED, GRÜNDERIN UND CHEFREDAKTEURIN DES FRAUENMAGAZINS "MALALAI", AFGHANISTAN

Dem Kuratorium 2003 vorgelegt von Reporter ohne Grenzen


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Projekt                      
Malalai ist die erste Zeitschrift Afghanistans, die sich exklusiv an eine weibliche Leserschaft richtet. Die erste Ausgabe des Magazins kam am 21. Februar 2002 in die Kioske und erscheint seitdem monatlich mit einer Auflage von 3000 Exemplaren in Kabul und den Provinzen des Landes. Bislang kann sich das Magazin trotz seines großen Erfolges (die Ausgabe ist immer schon nach wenigen Tagen ausverkauft) nicht allein tragen. Wegen Geldmangels konnte die letzte Ausgabe nicht zu Papier gebracht werden. Jährlich kostet der Druck der Zeitschrift mindestens 47.000 Euro.
Ihren Namen hat sich die Zeitschrift einer afghanischen Volksheldin des ausgehenden 19. Jahrhunderts entliehen, die damals durch ihren Widerstand gegen die britische Kolonialmacht berühmt wurde und zu einer Gallionsfigur der afghanischen Frauenbewegung avancierte.
Malalai ist eines der vielen Projekte von AINA, dem afghanischen Medien- und Kulturzentrum, das sich als „Geburtshelferin für neue Medienprojekte“ versteht. Gegründet von dem iranischen Fotografen Reza Deghati, setzt sich diese Institution für den Aufbau einer vielfältigen Medienlandschaft in Afghanistan ein. AINA, selbst unterstützt durch die UNESCO und die Heinrich-Böll-Stiftung, fördert neben Malalai noch viele weitere Medienprojekte in Print, Hörfunk und Fernsehen.

Jamila Mujahed         
Jamila Mujahed ist die charismatische Chefin des sechsköpfigen Redaktionsteams von Malalai und Gründerin des ausschließlich von Frauen betriebenen Radiosenders „Voice of Afghan Women“. Bevor die Taliban 1996 an die Macht kamen, war sie eine der bekanntesten Radiojournalistinnen des Landes. Wie allen anderen Frauen war es ihr während der Herrschaft des Taliban-Regimes verboten zu arbeiten. Als Kabul am 13.11.2001 befreit wurde, endeten, wie Mujahed meint, „fünf Jahre der Dunkelheit, Angst, Tyrannei, in denen unsere physischen und intellektuellen Kräfte mit Füßen getreten wurden." Kurz nach dem Umbruch beschloss sie, eine unabhängige Zeitschrift zu gründen, die sich der spezifischen Probleme, Wünsche und Sehnsüchte der afghanischen Frauen annimmt.

Konzept von Malalai  
Ziel von Malalai ist es, jeder gewöhnlichen Frau von Afghanistan ein Forum zu bieten. Ihrem Anliegen soll auf diesem Weg gehör verschafft werden. „Wir möchten, dass die Afghaninnen die Malalai des 21. Jahrhunderts werden. Denn wir Frauen müssen unser Land wieder aufbauen, gesunde Kinder großziehen und gleichzeitig unsere Rechte verteidigen“, sagt Jamila Mujahed. Konsequenterweise covert das Magazin neben den klassischen Themen eines Frauenmagazins seit 2003 auch stärker politische Inhalte. Gerade die Probleme der Frauen aus den Provinzen – sie leben noch unter vollkommen anderen Bedingungen als die Großstädterinnen – werden in dem Magazin immer wieder thematisiert.

Probleme von Malalai           
Die Probleme von Malalai sind letztlich nicht anders gelagert als die der anderen Medien in Afghanistan. Zwar gibt es ein relativ liberales Mediengesetz, jedoch gibt es noch ganz andere, viel elementarere Schwierigkeiten, mit denen die Journalisten, auch drei Jahre nach der Beendigung der Herrschaft der Taliban immer noch zu kämpfen haben. Dies fängt bei dem banalsten und doch zugleich essenziellsten Problem an – der Ausstattung. Noch immer fehlt es oft an den einfachsten Gerätschaften, um eine zufrieden stellende Arbeit leisten zu können. Ebenso mangelt es bisweilen an qualifizierten Journalisten.

Gravierend ist oft auch die finanzielle Situation der verschiedenen Medienprojekte. Vor allem die Pressepublikationen können sich nicht selber tragen, denn es gibt noch keinen richtigen Pressemarkt. Die afghanische Bevölkerung ist beispielsweise bislang nicht daran gewöhnt, für Zeitungen zu bezahlen. In Afghanistan, so Alexandre Plichon von AINA, seien die Menschen Freiexemplare gewöhnt. Eine Tageszeitung kostet um die 30 Afghani, was dem Preis eines Brotes entspricht – eine Summe, die sich viele potenzielle Kunden nicht leisten können; mit 30 Afghani ist eine Zeitung aber immer noch zehnmal billiger als es die eigentlichen Produktionskosten verlangen würden.
Bei Malalai ist die Situation ähnlich gelagert. Weil die Zeitung für 20 Afghani verkauft wird, ist sie zu billig, um sich allein durch den Verkauf der Auflage tragen zu können, 85% der Kosten müssen durch Fördergelder bezahlt werden. Aber seit kurzem steht das Magazin auch ohne Sponsoren da. Die letzte Ausgabe konnte daher bislang nicht gedruckt werden. Ein Exklusivinterview mit Frau Karsai und ein Aufruf an die Frauen Afghanistans, sich für die Wahlen registrieren zu lassen, warten darauf, endlich zu Papier gebracht zu werden.

Immer wieder haben auch Werbeträger Interesse an der Zeitung angemeldet, sich aber letztlich doch für die Förderung von Radioprojekten entschieden. Viele der Afghaninnen sind Analphabeten. Daher haben die Radiostationen eine größere Breitenwirkung.

Nichtsdestotrotz sehen die Redakteurinnen von Malalai in der Medienvielfalt einen entscheidenden Faktor für die zukünftige Entwicklung Afghanistans. Malalai stehe hier in einer besonderen Verantwortung. „Wir Frauen stellen kriegsbedingt den größten Anteil der Bevölkerung“, sagt die Mitherausgeberin von Malalai, Hamida Usman, die auch die erste weibliche Fotografin von Afghanistan ist. „Daher sind wir für den Wiederaufbau des Landes in besonderem Maße verantwortlich.“
Dieses neue weibliche Selbstverständnis wird jedoch immer noch von der stark islamistisch geprägten Gesellschaft Afghanistans torpediert. Selbst jetzt, drei Jahre nach dem Endes des Talibanregimes, muss Hamida Usman ihren Fotoapparat verstecken. Frauen vor und hinter der Kamera sind in dem neuen Afghanistan immer noch alles andere als üblich.

Von der konservativen Seite wird Malalai daher auch stark kritisiert. Vor allem die Justiz, aber auch mit der herrschenden Situation unzufriedene politische Kräfte werden nicht müde, das generelle Konzept und die Erscheinungsweise des Magazins zu verdammen. Die Kritik hat sich bislang jedoch noch nicht in offene Drohungen verwandelt, weil, so Frederic Renoux, der Printmedia-Manager von AINA, es nicht das Ziel von Malalai sei, die afghanische Gesellschaft zu schockieren: „Das Magazin will die Rechte der afghanischen Frauen stärken, aber die Redaktion und die Chefredakteurin, Jamila Mujahed, kennen die Gesellschaft und ihre derzeitigen Grenzen. Sie wollen nicht einfach um jeden Preis schockieren, sondern mit ihrer Zeitschrift etwas bewirken.“

Auch wenn sie sich also inhaltlich oft nicht so weit aus dem Fenster lehnen (generell gilt in den afghanischen Medien der Kodex, dass in der Phase des nationalen Aufbaus keine Artikel veröffentlicht werden sollten, die dem nationalen Interesse entgegenstehen oder kulturellen Gepflogenheiten widersprechen), stehen die Macherinnen von Malalai immer wieder vor Schwierigkeiten. Denn schon allein das hinter der Zeitschrift stehende Konzept, eine Zeitung von Frauen für Frauen zu machen, steht der in dem Land herrschenden Auffassung über die Rolle der Geschlechter diametral gegenüber.

 

Kontaktaufnahme       frederic@ainaworld.org

Belege           
http://magma.nationalgeographic.com/ngm/0212/aina/online_extra.html
http://www.ainaworld.org
http://www.lfm-nrw.de/funkfenster/medien_allgemein/medien_ausland/kabul.php3
http://www.metimes.com/2K2/issue2002-9/women/new_magazine_celebrates.htm
http://news.bbc.co.uk/1/shared/spl/hi/south_asia/03/jamila/html/9.stm
http://portal.unesco.org/en/ev.php@URL_ID=6804&URL_DO_PRINTPAGE&URL_SECTION=201.html
http://www.freitag.de

 

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Malalai: Überleben und Entwicklung eines entscheidenden Akteurs in den Medien

 

 

Frédéric Renoux, Reporter ohne Grenzen, Paris, März 2004

[dt. Übersetzung A. Barth und I. Bitter]

 

 

Die führende hochwertige Frauenzeitschrift hat sich als ausgesprochen beliebt erwiesen und ist regelmäßig innerhalb weniger Tage nach Veröffentlichung ausverkauft. Durch ihre neuartige  Themenmischung und ihre sensibel auf  die afghanische Kultur abgestimmte Modernität sowie die explizite Ermutigung afghanischer Frauen, sich am Wiederaufbau und dem Prozess der Demokratisierung zu beteiligen, ist sie momentan das effektivste Druckerzeugnis, um Frauen für mehr Beteiligung an der Registrierung als Wählerinnen und für die Teilnahme an Wahlen zu gewinnen.

 

1.       Die Hauptaufgabe der Zeitschrift Malalai ist es, die Rechte afghanischer Frauen zu verteidigen: starke Editorials, Portraits herausragender Frauen, Berichte über soziale Fragen, Neuigkeiten rund um Gesetzesentwürfe… Das Magazin nutzt jede Möglichkeit des engagierten Journalismus um seine Aufgabe zu erfüllen.

2.       Viele Artikel in Malalai zielen darauf ab, afghanische Frauen zu weiterzubilden: über Gesundheit und Ernährungsfragen, über alles, was das Thema Geburt, Mutterschaft und Kindererziehung angeht; über die Schwierigkeiten denen Frauen begegnen, wenn sie mit Behörden zu tun haben… Die Zeitschrift ist ein Instrument, das Frauen im täglichen Leben begleitet.

3.       Malalai ist aber daneben auch ein Fenster zur Welt: ein spezielle Kolumne bietet den Leserinnen die Möglichkeit, das Leben von Frauen in anderen Erdteilen und die Freiheiten kennen zulernen, die auch sie erlangen könnten; sie können etwas über Probleme der Frauen aber auch über deren Lebensart erfahren, übers Einkaufen…

4.       Malalai vermittelt Verbindungen und knüpft Netzwerke, sie versammelt die Gesellschaft zur Verteidigung der Frauen, fungiert als Protestsignal und Stimme der afghanischen Frauen. Die Monatszeitschrift ermutigt afghanische Frauen in ihrem Kampf.

5.       Als Zeitschrift, die eine große Leserschaft erreichen will, bietet Malalai auch leichtere Kost zur Unterhaltung, bewegende Geschichten, Cartoons, Rätsel und Bildreportagen… Diese leichtere Seite von Malalai wird in Zukunft noch verstärkt werden, damit Malalai in noch stärkerem Maße eine attraktive,  moderne und trotzdem immer afghanische Frauenzeitschrift wird. Sogar diese leichteren Seiten können eine starke soziale Wirkung haben, afghanische Frauen zu unterstützen und zu befreien“. Malalai hat unlängst eine neue Kolumne eingerichtet, in der sich junge Leute vorstellen und in einer Art persönlicher Hochzeits-Bekanntgabe erklären, was sie sich von der Person, die sie einmal heiraten würden, erwarten. Die Kolumne war bei den Leserinnen ein großer „Hit“, nicht nur wegen ihrer Interaktivität (LeserInnen können über die Adresse der Zeitschrift auf die Anzeige antworten) sondern auch, weil sie die Hoffnungen, Wünsche und Lebensentwürfe junger Menschen, insbesondere junger Frauen, widerspiegelt.

 

Malalai ist durch ihre Popularität sehr erfolgreich (sie könnte noch viel mehr Exemplare verkaufen), sie ist ein mächtiges Mittel zur Stärkung afghanischer Frauen und zur Anregung sich am Wiederaufbau und am Prozess der Demokratisierung zu beteiligen. Und doch kann Malalai sich zum jetzigen Zeitpunkt nur zu 15-20% selbst tragen. Eine Erhöhung der Auflagenzahlen jedoch würde auch die Gewinnspanne erhöhen und Malalai somit zum attraktiven Medium für Werbekunden machen (insbesondere für Massenwaren, die sich an Haushalte und weibliche Konsumenten richten), was wiederum den Weg in die finanzielle Unabhängigkeit erleichtern würde.

 

Doch die oberste Priorität ist das Überleben von Malalai. Die wichtige Funktion der Zeitschrift in diesem entscheidenden Jahr hat sich kürzlich erneut darin gezeigt, dass die UNAMA (United Nations Assistance Mission in Afghanistan) die Zeitschrift gebeten hat, dem nächsten Titel einen Aufdruck zum Thema Wahlregistrierung für Frauen beizufügen, der ein exklusives Interview mit Frau Karzai und einen Aufruf zur Wahlregistrierung an alle afghanischen Frauen enthalten sollte. Dies ist eines von vielen Beispielen für den üblichen Inhalt von Malalai, ein Zeichen ihrer spürbaren, und durch Verkaufszahlen untermauerten, Attraktivität für Frauen.

 

Mittlerweile erhält Malalai keine finanzielle Unterstützung mehr. Etliche Sponsoren haben zwar Interesse bekundet, doch richtet sich das Hauptaugenmerk bei den Medien in Afghanistan deutlich auf das Radio. Auch wenn dieses in einer Gesellschaft wie Afghanistan sicherlich eine entscheidende Rolle spielt, riskiert man dadurch die Vernachlässigung der Printmedien. Einige von ihnen drohen dadurch ganz zu verschwinden und dies wäre schade für Zeitschriften wie Malalai, die fachliche Qualität bieten und bei den Lesern gut ankommen.

 

Über einen Zeitraum von 12 Monaten beträgt das minimale Budget 60.000 US Dollar (für eine Auflage von 3.000 Exemplaren). Als Beispielrechnung: eine Erhöhung der Auflage auf 6.000 Exemplare würde das benötigte Budget auf 81.000 US Dollar anwachsen lassen. Die Einnahmen aus den Verkäufen (11.000 US Dollar in der ersten Rechnung, 17.000 US Dollar in der zweiten) könnten wiederum in eine Entwicklungsstrategie investiert werden.

 

Ohne maßgebliche finanzielle Unterstützung verschwindet die Zeitschrift Malalai, das beste Mittel um Frauen in Afghanistan zu stärken und sie zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und an den aktuellen Wahlen zu ermutigen, letztlich aus der afghanischen Medienlandschaft.