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Pap Saine für die Tageszeitung „The Point“ in Gambia - Preisträger 2006

 

DOSSIER PAP SAINE, MITBEGRÜNDER UND CHEFREDAKTEUR DER TAGESZEITUNG "THE POINT" IN GAMBIA

Dem Kuratorium 2005 vorgestellt von Reporter ohne Grenzen


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The Point
Am 16. Dezember 1991 war es soweit: Die erste Ausgabe von The Point konnte erscheinen. Die Initiative ging maßgeblich von zwei Journalisten aus: Deyda Hydara und Pap Saine. Lange Zeit konnte die erste unabhängige Zeitung des Landes aus Geldmangel nur drei Mal pro Woche erscheinen. Es war daher eine Erfolgsmeldung, als Pap Saine Anfang dieses Jahres verkündete, dass The Point nun die erste unabhängige Tageszeitung des Landes wird, also täglich erscheinen kann – trotz des großen Schocks, den die Ermordung Deyda Hydaras ausgelöst hatte.

„Ein Traum von Deyda und mir ist wahr geworden", sagt Saine. „Wir haben immer darauf hingearbeitet, eine glaubwürdige, täglich erscheinende Zeitung zu produzieren."

The Point füllt mit einer Auflage von 3.000 Exemplaren eine Leerstelle in der Medienlandschaft Gambias – denn unabhängige Zeitungen sind Mangelware. Neben The Point erscheint lediglich eine weitere Tageszeitung, der regierungsnahe Daily Observer.

Die Idee
„Wir waren drei Journalisten, Baboucar Gueye, Deyda Hydara und ich. Wir haben uns 1979 bei Radio Syd getroffen, Afrikas erstem privatem Radiosender. 1991 entschlossen wir uns, The Point zu gründen", erzählt Pap Saine.

„Zu diesem Zeitpunkt gab es keine einzige nennenswerte Tageszeitung in Gambia. Lediglich ein paar Newsletter waren auf dem Markt, mehr oder weniger hausgemachte Flugblätter in schlechter Qualität. Wir wollten ein professionelles Blatt machen, von gambischen Journalisten für eine gambische Leserschaft.

Am 16. Dezember 1991 war es soweit: Wir wählten den Geburtstag von Deydas Ehefrau für die erste Ausgabe. Unsere Leitlinie hieß Unabhängigkeit. Wir wollten allen Meinungen Platz einräumen, der Regierungsseite sowie der Opposition. Wir wollten ausgewogen und fair berichten. Bei der Bevölkerung kamen wir gut an. Die Leser waren stolz darauf, über eine eigene gambische Zeitung zu verfügen. Radio- und Fernsehsender verbreiteten lediglich Informationen der Regierung. Unser größter Erfolg war, dass wir die Leute dazu gebracht haben, jeden Tag unsere Zeitung zu lesen. Auch die, die nicht lesen konnten, ließen sich von ihren Kindern unsere Artikel vortragen."

Deyda Hydara
Am 16. Dezember 2004 war es spät geworden in der Redaktion. The Point feierte sein 13-jähriges Bestehen. Deyda Hydara, der auch als AFP- und ROG-Korrespondent tätig war, brachte zwei seiner Mitarbeiterinnen in seinem Auto nach Hause. In einer dunklen Straße Kanifings, einem Vorort Banjuls, wurden sie plötzlich von einem Taxi überholt. Unbekannte schossen aus dem Wagen auf den Journalisten, Kugeln trafen ihn in Kopf und Herz. Deyda war sofort tot, nur seine beiden Begleiterinnen überlebten das Attentat.

Der 58-Jährige war einer der einflussreichsten Journalisten des Landes, bekannt vor allem für seine Chroniken in The Point mit dem Titel „Good Morning, Mister President" und seine Kolumnen „Der Biss". Mutig kritisierte er den Staatspräsidenten, Militärleutnant Yaha Jammeh, und prangerte gesellschaftliche Missstände an. Nur wenige Tage vor dem Attentat hatte Deyda die neuen, äußerst repressiven Pressegesetze der Regierung kritisiert. Seine Ermordung löste einen Schock unter den wenigen unabhängigen Medien Gambias aus.

Ein Mitarbeiter von ROG hat kurz nach der Tat die Ereignisse vor Ort rekonstruiert und in dem Bericht „Who killed Hydara?" veröffentlicht. Offensichtlich wurde Hydara in einen Hinterhalt gelockt, die Täter entkamen in einem Auto ohne Nummernschild. Auch gab es vor der Tat zahlreiche Drohungen gegen die unabhängige Presse in Gambia. Wer sich gegen die Regierung stelle, müsse mit Gewalt rechnen, hieß es in anonymen Briefen.

Eine zweite Untersuchungsmission von ROG im Mai 2005 ergab, dass Hydara vom gambischen Geheimdienst beobachtet wurde – bis wenige Augenblicke vor seinem Mord. Die Straßen der Hauptstadt durchzieht ein enges Netz von Polizeikontrollpunkten, der Mord geschah nur wenige Meter von einer Polizeikaserne entfernt. Doch die Hilfe für Hydara ließ eine Stunde auf sich warten, so dass die Mörder entkommen konnten.

Zunächst hatte die Polizei die Untersuchungen im Mordfall übernommen. Inzwischen liegen die Ermittlungen beim Geheimdienst des Landes – und sind zum Stillstand gekommen. Zwei Verdächtige waren festgenommen worden, befinden sich jedoch bereits wieder auf freiem Fuß. Wally Mahmoud Hakim, einer der beiden, gilt zwar als der Hauptverdächtige, doch Anklage gegen ihn wurde bisher nicht erhoben. Hakim ist Unterstützer der Regierungspartei und ein Freund des Staatspräsidenten.
Reporter Ohne Grenzen hat Präsident Yahya Jammeh aufgefordert, eine unabhängige Kommission zur Aufklärung des Mordes einzurichten. Dies ist bisher nicht geschehen.

„Hätte ich die Gelegenheit, mit den Mördern Deydas zu sprechen, würde ich ihnen Folgendes sagen: Deyda Hydara war ein großartiger Gewinn für unser Land. Er war ein verlässlicher Indikator für den Zustand unserer Gesellschaft. Ihr habt die Nachrichten, die wir dringend brauchen, ausgelöscht. Ihr habt eine schwere Schuld auf euch geladen", sagt Pap Saine.

Hintergrund
Gambia ist ein kleiner Staat von 1,4 Millionen Einwohnern. Das Land wird seit 1994 von der Militärjunta unter Yaha Jammeh regiert. Es hat seit der Wahl 2001, die Jammeh im Amt bestätigte, viele Verletzungen der Pressefreiheit gegeben: Drohanrufe durch Regierungsvertreter, durch den nationalen Geheimdienst NIA, oder „Schutzhaft" für Medienmitarbeiter – dies sind keine seltenen Methoden der Einschüchterung.

In diesem Jahr findet das Gipfeltreffen der Afrikanischen Union im Lande statt und im Oktober stehen Wahlen an in dem westafrikanischen Land. Unabhängige Nachrichten tun also Not. Doch die Regierung betreibt die einzige Fernsehstation des Landes. Und fernab von der Weltöffentlichkeit nimmt der Druck auf unabhängige Journalisten und Medien weiter zu.

Als im Dezember 2005 eine Konferenz des gambischen Journalistenverbandes zum Thema Pressefreiheit tagte und an den Tod Deydas erinnert werden sollte, konnten ROG-Vertreter nicht teilnehmen. Die Behörden des Landes hatten die Visa-Vergabe verzögert. Auch eine Versammlung im Gedenken an Deyda, die am Ort des Attentats geplant war, konnte nicht stattfinden: Die Teilnehmer/innen fanden die Straße von bewaffneten Polizeieinheiten blockiert vor. Eine Fotografin von The Point wurde bewusstlos geschlagen und musste in ein Krankenhaus eingewiesen werden, weil sie die Szenerie dokumentieren wollte.

Die von Deyda kritisierten Pressegesetze machen das Arbeiten für Journalistinnen und Journalisten fast unmöglich: Herausgeber müssen nun mit ihrem Vermögen für etwaige Strafen oder Verurteilungen haften, außerdem fallen hohe Lizenzgebühren an. Alle Presseverstöße wie zum Beispiel Verleumdung, können mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden. Eine staatliche Kommission mit weitreichenden Befugnissen wurde bereits 2002 eingesetzt und beschränkt die Pressefreiheit zusätzlich.

Auch The Point selbst steckt in Schwierigkeiten. Pap Saine erzählt: „Meine Familie drängt mich jetzt, The Point aufzugeben. Sie haben Angst. Es sei zu gefährlich, die Schikanen vielleicht nicht wert, meinen sie. Und sie haben Recht. Journalismus in Gambia birgt ein hohes Berufsrisiko. Sie können dich ruinieren, indem sie alle möglichen Steuern erheben, auf Gehälter, Mieten, Einnahmen oder Gewinne. Sie können dein Haus in Brand stecken. Sie können dich töten. Aber ich muss weitermachen, ich bin es meinem Land schuldig."

Das Blatt braucht finanzielle Unterstützung für die laufende Miete, die Gehälter für das engagierte Team, die Reparatur der Druckerpresse, den Lebensunterhalt für Deydas Familie sowie der beim Attentat verletzten und später in den Senegal geflüchteten Mitarbeiterinnen.

Reporter ohne Grenzen unterstützt The Point finanziell und durch Öffentlichkeitsarbeit: Mit Untersuchungen vor Ort, Protesten, offenen Briefen und Pressemitteilungen sorgen wir für inter-nationale Aufmerksamkeit und stärken unabhängigen Medien in Gambia den Rücken.

Kontakt
The Point Newspaper
2 Garba Jahumpa Road
Fajara, P.O. Box 66 Banjul
The Gambia
Fon: (220) 4497 441
Fax: (220) 4497 442
Mob.: (220) 990 8467
E-mail: thepoint13@yahoo.com
www.thepoint.gm

Untersuchungsberichte und Presseinformationen von Reporter ohne Grenzen
http://www.rsf.org/article.php3?id_article=13576
http://www.rsf.org/article.php3?id_article=13790&var_recherche=report+Hydara
http://www.rsf.org/article.php3?id_article=15921
http://www.rsf.org/article.php3?id_article=15941
 
Weitere Informationen
http://www.editorsweblog.org/print_newspapers//2006/01/gambia_the_point_newspaper_goes_daily.php
http://news.bbc.co.uk/1/hi/world/africa/country_profiles/1032156.stm
http://www.cpj.org/attacks04/africa04/gambia.html http://www.irinnews.org/report.asp?ReportID=44787&SelectRegion=West_Africa&SelectCountry=GAMBIA