JOHANO STRASSER, DARMSTADT
PRÄSIDENT DES P.E.N.-ZENTRUMS DEUTSCHLAND e.V.
Laudatio auf Itai Mushekwe, freier Journalist aus Simbabwe, derzeit Köln
Von Albanien bis Zimbabwe.
Der Kampf um die Freiheit des Wortes und die Durchsetzung der Menschenrechte
Was Freiheit bedeutet, wissen die am besten, denen sie vorenthalten wird. Wir Westeuropäer, die wir mittlerweile dazu neigen, sie als selbstverständlich hinzunehmen, vergessen allzu leicht, dass für die Mehrzahl der Menschen Freiheit immer noch mehr Traum als Wirklichkeit ist. Dies gilt zumal für die Freiheit des Wortes. Im westlichen Europa und in Nordamerika gehört sie seit vielen Jahrzehnten zu den kaum noch bestrittenen Rechten des einzelnen. Allenfalls die Angst vor kommunistischer Unterwanderung in der Zeit des Kalten Krieges und hysterische Reaktionen auf den Terrorismus führten gelegentlich zu bedenklichen Einschränkungen. Aber im Grundsatz wurde das Recht auf freie Meinungsäußerung außer in fundamentalistischen Randgruppen bei uns nicht angezweifelt.
Dass die Freiheit des Wortes ein kostbares Gut ist, kann unter solch günstigen Umständen leicht aus dem Blick geraten. Wir gingen womöglich behutsamer mit dem Wort „Freiheit“ um, wenn wir uns dessen immer bewusst wären.
Der Internationale P.E.N., nach dem Ersten Weltkrieg unter dem Eindruck des moralischen Versagens so vieler Intellektueller und Schriftsteller gegründet, hat es sich zur Aufgabe gemacht, überall auf der Welt für das friedliche Zusammenleben der Individuen und Völker und für die Freiheit des Wortes einzutreten. In seiner Charta verpflichtet er seine Mitglieder u.a. dazu, „jeder Art der Unterdrückung der Äußerungsfreiheit in ihrem Lande oder in der Gemeinschaft, in der sie leben, entgegenzutreten“, erklärt sich für die „Freiheit der Presse“ und gegen jede Form der Zensur.
Die auf diesen Grundsätzen fußende Arbeit für verfolgte Schriftsteller, Journalisten und Verleger in aller Welt ist, wie man aus der von unserem Londoner Büro halbjährlich versandten Case-List ersehen kann, mühevolle, zeitraubende und nicht selten deprimierende Sisyphos-Arbeit. Von Albanien bis Zimbabwe in der alphabetischen Reihenfolge der Länder finden sich dort die dem Writers-in-Prison-Comittee bekannt gewordenen Fälle von Bedrohung, Verfolgung und Ermordung von Schriftstellern, Journalisten und Verlegern, der Verhaftung und Aburteilung von Menschen, deren Meinungsäußerung den jeweiligen Herrschenden nicht passt, der Zensur und des Publikationsverbots.
Einer dieser Menschen, die um ihr Leben fürchten mussten, weil sie sagten und schrieben, was sie für richtig hielten, ist Itai Mushekwe. Er ist Journalist, ein leidenschaftlicher, der Wahrheit verpflichteter Journalist, und weil er in seinen Artikeln für inländische und ausländischen Zeitungen und Internet-Journale über die wachsenden Probleme in seiner Heimat schrieb und auch das autokratische Regime des Robert Mugabe kritisierte, geriet er auf eine Schwarze Liste des Zimbabweschen Geheimdienstes. Sein Glück bestand darin, dass ein Freund seinen Namen auf dieser Liste entdeckte, als er gerade in Hamburg an einem Seminar für Journalisten teilnahm. Er blieb in Deutschland, weil bei einer Rückkehr in sein Heimatland sein Leben gefährdet gewesen wäre.
Zunächst unterstützte ihn die Böll-Stiftung, dann, als ein Platz im Stipendienprogramm des deutschen P.E.N. frei wurde, wurde er Stipendiat im Writers-in-Exile-Programm des P.E.N. Asyl möchte er in Deutschland nicht beantragen, weil er, wenn sich die Lage in seinem Heimatland zum Besseren ändert, was hoffentlich bald der Fall sein wird, zurückkehren möchte, um seine Familie, die in der Nähe der Hauptstadt Harare lebt, wieder zusehen und am Aufbau eines demokratischen Zimbabwe mitzuwirken.
Und vielleicht findet er dann auch Gelegenheit, sich stärker als bisher der anderen Seite seiner Doppelbegabung zu widmen. Itai Mushekwe ist nämlich nicht nur Journalist, er schreibt auch Gedichte, Gedichte, in denen sich die Hoffnungen und die Enttäuschungen seiner Generation spiegeln. Der Kampf um die Macht zwischen Robert Mugabe und der demokratischen Opposition ist noch nicht entschieden. Erst kürzlich hat die Wahl Barack Obamas zum Präsidenten der USA bewiesen, was jugendliche Begeisterung vermag. Ich hoffe, dass auch in Itai Mushekwes Heimatland der Wind des Wandels das autoritäre Regime hinwegfegt und Zimbabwe wieder zu jenem Land der Hoffnung in Afrika werden kann, das es vor gar nicht langer Zeit schon einmal war.
Lieber Itai Mushekwe, möge dieser Preis Sie bestärken in Ihrem Kampf um Demokratie und Menschenrechte in Ihrem Heimatland.
Wir vom P.E.N. wissen aus eigener Erfahrung, dass der Kampf für die Menschenrechte anstrengend, gefährlich und nicht selten auch frustrierend ist. Der Weg, den Sie und Ihre Mitstreiter betreten haben, ist ein Weg voller Hindernisse und Gefahren. Und selten geht es dabei ohne schmerzliche Rückschläge und Enttäuschungen ab. Aber wenn ich an die Schriftsteller, Journalisten und Verleger denke, die überall auf der Welt den Kampf um Freiheit und Demokratie angenommen haben, vor allem an die, denen wir, die wir in glücklicheren Umständen leben, helfen konnten, ihren Verfolgern zu entkommen, oder deren Los wir auch nur ein wenig erleichtern konnten, dann scheint mir, dass Albert Camus vielleicht doch recht hat, wenn er am Ende seines Essays über den „Mythos von Sisyphos“ schreibt: „Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

