jphpalmstiftungfooter

  englisch

Seyran Ateş, Anwältin und Autorin in Berlin - Preisträgerin 2008

 

DOSSIER SEYRAN ATEŞ,  BERLIN

DEUTSCH-TÜRKISCHE ANWÄLTIN UND AUTORIN

Dem Kuratorium 2008 vorgelegt von Dr. Maria Palm und Dr. Ulrich Palm

 

Kontakt

 

Seyran Ateş

Im Haus der DIAKONIE

Paulsenstraße 55/56

12163 Berlin

www.seyranates.de

 

 

Lebenslauf

 

Seyran Ateş wurde 1963 in Istanbul geboren und lebt seit 1969 in Berlin. Sie studierte dort Rechtswissenschaften und legte 1997 das Zweite Staatsexamen ab. Ihr Studium finanzierte sie vor allem durch die Mitarbeit an einem Frauenprojekt für Migrantinnen, die häuslicher Gewalt ausgesetzt waren. 1984 wurde sie dort Opfer eines Attentats durch ein Mitglied der türkisch-nationalistischen Organisation „Grauen Wölfe“, das sie schwer verletzt überlebte. Erst sechs Jahre später konnte sie ihr Studium wiederaufnehmen.

 

1997 eröffnete Frau Ateş eine Kanzlei in Berlin. Auf Familien- und Strafrecht spezialisiert, vertrat sie vorrangig Frauen aus muslimischen Ländern. In jüngerer Zeit ist Seyran Ateş Opfer von Gewaltandrohungen geworden. Nach einem Scheidungstermin wurden sie und ihre Mandantin am 7. Juni 2006 von dem geschiedenen Ehemann beleidigt, bedroht und zusammengeschlagen, ohne dass einer der Passanten eingegriffen hätte. Danach folgten weitere Bedrohungen von anderen Verfahrensgegnern. Im August 2006 gab Seyran Ateş zwischenzeitlich ihre Anwaltszulassung zurück. Sie begründete diesen Schritt mit häufigen Bedrohungen und tätlichen Angriffen durch Verfahrensgegner ihrer Mandantschaft. Dieser Schritt löste eine bundesweite öffentliche Debatte aus und führte zu vielen Solidaritätsbekundungen und Unterstützungsangeboten. Im September 2007 nahm Frau Ateş wieder ihre Arbeit als Anwältin auf. Zukünftig wolle sie jedoch ohne eine offizielle Anschrift ihre Mandantinnen betreuen. Zwar wisse sie nicht, wie lange sie noch in Deutschland arbeiten könne, doch werde sie von der öffentlichen Debatte geschützt.

 

Auch öffentlich bezieht sie unbequeme Positionen in der Integrationsdebatte. Sie kämpft gegen Kopftuchzwang und fordert die Schaffung eines eigenständigen Straftatbestandes als Verbrechenstatbestand bei Zwangsverheiratungen. Auch häusliche Gewalt und „Ehrenmorde“ bedürfen aus ihrer Sicht einer Rechtssprechung, die sich nicht zum Nachteil der Opfer auf kulturelle Eigenheiten beruft und damit Menschenrechtsverletzungen billigt. So wendet sie sich gegen die Haltung, die Unterdrückung von Frauen als vermeintlichen Teil einer anderen Kultur hinzunehmen. Sie tritt für das Recht auf Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit von Frauen ein und gehört zu den Verfechterinnen des Gewaltschutzgesetzes.

 

Seyran Ateş wurde bereits mit verschieden Preisen ausgezeichnet (u. a. Margherita-von-Brentano-Preis der FU Berlin, Verdienstkreuz am Bande, Menschenrechtspreis der Ingrid zu Solms-Stiftung). Dennoch sollte sie als Trägerin des Johann-Philipp-Palm-Preises in Betracht gezogen werden. Ihre Arbeit und ihr Engagement stehen im Kontext aktueller gesellschaftspolitischer Debatten und reichen damit weit über ihre Tätigkeit als Rechtsanwältin hinaus. Sie vertritt aber nicht nur Meinung, sondern handelt auch unter persönlicher Gefährdung für andere und ist deshalb ein herausragendes Vorbild im Sinne des Stiftungsgedankens. Ihre Vita zeigt eindrücklich, dass Freiheit auch in unserer Gesellschaft erst gewonnen werden muss.

 

Seyran Ates arbeitet auch als Publizistin. Ihr autobiografisches Buch „Große Reise ins Feuer. Die Geschichte einer deutschen Türkin“ veröffentlichte sie 2003 im Rowohlt-Verlag. Diverse Veröffentlichungen in Sammelbänden, Zeitschriften, bei Podiumsdiskussionen, politischen, wissenschaftlichen und kulturellen Veranstaltungen folgten.

 

2007 legte sie dann ihr zweites Werk im Ullstein-Verlag vor: „Der Multikulti-Irrtum. Wie wir in Deutschland besser zusammenleben können.“