THEA DORN, BERLIN
Schriftstellerin
Laudatio auf Seyran Ateş, Anwältin und Autorin in Berlin
Es geschieht nicht oft, dass man einem Menschen begegnet, der das eigene Leben – oder genauer: die Perspektive, die man auf die Welt hat, verändert. Ein solcher Mensch ist Seyran Ateş.
Dabei begann unsere Freundschaft unter keinem besonders günstigen Stern. Veranstalter hatten uns im Herbst 2002 zusammen auf ein Podium gesetzt. Das Thema des Abends: Amokläufer. Ich war gewissermaßen als „die Böse“ eingeladen, die gerade ein Stück geschrieben hatte, in dem es um eine junge Frau geht, die das orientierungslose Leben im von Wohlstand und Freiheit verwöhnten Westen nicht mehr aushält und sich in den Wahn hineinsteigert, einen großen Platz in die Luft zu jagen. Am anderen Ende des Tisches saß Seyran Ateş. Das „Opfer“, das 1984 bei einem Attentat beinahe ums Leben gekommen wäre. Zielsicher steuerte der Moderator nach wenigen Minuten auf die Frage zu: „Frau Ateş, macht es Sie nicht persönlich betroffen, wenn Sie im Theater mit ansehen müssen, wie dort eine Attentäterin verherrlicht wird?“
Ich verfluchte mich dafür, dass ich mich auf dieses Podium eingelassen hatte. Aber da sagte Seyran Ateş auch schon: „Wieso sollte ich betroffen sein? Mich hat schließlich keine Deutsche angeschossen, die als Kind davon geträumt hat, Jeanne d’Arc zu werden. Sondern ein türkischer Faschist, dem die Arbeit, die ich in dem Kreuzberger Frauenladen gemacht habe, nicht gepasst hat.“ Ich hätte Seyran Ateş umarmen mögen. Leider kam es an diesem Abend im Berliner Maxim-Gorki-Theater nicht mehr dazu. Die Gelegenheit sollte sich erst ein knappes Jahr später ergeben.
Im Frühjahr 2003 veröffentlichte Seyran Ateş unter dem Titel „Große Reise ins Feuer“ ihr erstes Buch. Wem der Titel zu orientalisch-pompös klingt: Es ist schlicht die deutsche Übersetzung ihres Vor- und Nachnamens. In dem Buch erzählt sie von ihrer Kindheit in Istanbul, die zwischen unzähligen Tanten, Onkeln und anderen Verwandten trotz aller Armut, in der die Familie lebt, eine glückliche ist – bis zuerst die Mutter, dann der Vater nach Deutschland verschwinden, um Geld zu verdienen. (Wir befinden uns in den 60ern, jener Zeit, in der Deutschland begierig „Gastarbeiter“ ins Land holte.) Das fünfjährige Mädchen leidet – aber nicht stumm, sondern wird aggressiv, rebelliert so lange gegen die Großfamilie, in der sie von Vater und Mutter zurückgelassen wurde, bis die Eltern bereit sind, sie und ihre drei Brüder nach Berlin zu holen. Die deutsche Schule, in die sie dort bald geschickt wird, erlebt sie als Befreiung. Und gleichzeitig beginnt sie, ein klares Gespür für den Konflikt, die Zerrissenheit zu entwickeln, in die sie geraten ist: Auf der einen Seite die Forderungen der Familie, die sie zum braven türkischen Mädchen erziehen will, das sich den Anordnungen des Vaters, der Brüder und der Mutter zu unterwerfen hat. Auf der anderen Seite begegnet Seyran deutschen Lehrerinnen und Lehrern, die den wachen Geist, der in ihr steckt, erkennen und ihre Intelligenz und Selbstständigkeit fördern.
Die Zuspitzung des Konflikts zwischen der Familie und dem sich emanzipierenden Mädchen ist unausweichlich: Noch bevor sie 18 wird, haut Seyran von zu Hause ab, eine Lehrerin bringt sie in einer Frauen-WG unter, eine Bekannte vermittelt ihr den Job in dem Frauenladen für türkische Migrantinnen, der sie einige Jahre später beinahe das Leben kosten sollte. Das Jura-Studium, das sie vor dem Attentat begonnen hatte, muss sie für sechs Jahre unterbrechen. Der Traumberuf „Anwältin“ rückt in ungewisse Ferne. Trotz der tiefsten psychischen und physischen Krise, in die das Attentat sie stürzt, gibt Seyran Ateş nicht auf. Sie rappelt sich wieder hoch und kämpft weiter. Für ihre Freiheit. Und für die Freiheit anderer Frauen. Nicht nur mit türkisch-muslimischem Hintergrund – aber für diese besonders.
Als ich das Buch damals für die Büchersendung, die ich auf dem SWR moderiere, las, war ich beeindruckt. Seyran Ateş hatte mir die Augen geöffnet. Ihre Lebensgeschichte macht fühl- und begreifbar, wie wenig selbstverständlich die Freiheiten sind, die ich und die allermeisten meiner „Generation-Golf-Alterskollegen“ in ihrem Leben von Anfang an erfahren haben. Noch dazu für eine Frau. Mit Beschämung stellte ich fest, dass ich die Haltung teilte, die das Verhältnis der Bundesrepublik zu ihren „Gastarbeitern“ über drei Jahrzehnte geprägt hatte: Eine Haltung irgendwo zwischen Desinteresse und verklärendem „Oh, wie aufregend, eine andere Kultur!“
Genau diesen „Multi-Kulti-Irrtum“ prangert Seyran Ateş in ihrem jüngsten Buch an, das 2007 erschienen ist. Doch bereits der Untertitel „Wie wir in Deutschland besser zusammenleben können“ macht klar, dass es ihr nicht um grobschlächtige Pauschalverurteilungen geht. In der Kritik stehen die muslimischen Patriarchen – und Matriarchinnen – die sich in ihren Traditionen verkapseln, die deutschen Allesversteher, die bereit sind, jede Kultur unter Artenschutz zu stellen, solange es nicht die deutsche ist, und die bundesrepublikanische Ignoranz gleichermaßen, sich viel zu lange nicht als Einwanderungsland begreifen zu wollen. Eben diese Fähigkeit, die Borniertheiten und Versäumnisse auf allen Seiten zu sehen und zu benennen, macht Seyran Ateş zu einer der klarsten und gerechtesten Kritikerinnen sowohl des Islams als auch Deutschlands.
Was viel zu oft übersehen wird: Seyran Ateş liebt ihre Herkunftskultur, was nicht zuletzt daran zu erkennen ist, dass sie selbst sich für das Leben in einer Großfamilie entschieden hat – und bereit war, dem Heiratsantrag, den ihre zweijährige Tochter mir vor einigen Jahren gemacht hat, zuzustimmen.
Doch diese Liebe zu ihrer Herkunftskultur treibt sie in keine trotzige Verteidigungsposition hinein, führt nicht dazu, dass sich ihr Blick nostalgisch verklärt. Die Wut auf die anti-freiheitlichen Einstellungen und Bräuche, die zahlreichen Mitgliedern der muslimischen Gemeinschaft ein selbstbestimmtes Leben bis heute verwehren, bleibt. Doch so wenig die Liebe ihren Blick trübt, trübt ihn die Wut. Wer behauptet, Seyran Ateş sei eine „hysterische Nestbeschmutzerin“ oder sie gar als „rechte Feministin“ diffamiert, leidet unter einer verzerrten Wahrnehmung.
Beide Seiten, sowohl die muslimische als auch die mehrheitsdeutsche, haben allen Grund, Seyran Ateş dankbar zu sein: Die türkisch-muslimische kann von ihr lernen, was es heißt, sich den Konflikten, die ein Leben in zwei Kulturen heraufbeschwört, tatsächlich zu stellen – und sein Heil weder in einer abgeschotteten Parallelgesellschaft zu suchen noch in einer herkunftsverleugnenden Überassimilation. Die mehrheitsdeutsche Seite kann von Seyran Ateş lernen, was es heißt, dieses Land, das nach all seinen grausamen Abwegen endlich zu einer freiheitlichen Verfasstheit gefunden hat, zu lieben. Und wir alle können von Seyran Ateş lernen, was es heißt, für unsere Überzeugungen einzustehen, für unsere Ideale zu kämpfen.
Der Sommer 2006 war für Seyran Ateş ein Sommer der Entmutigung. Der Noch-Ehemann einer Mandantin, die sie als Anwältin bei einem Scheidungsprozess vertreten hatte, griff beide Frauen nach dem Gerichtstermin in einem Berliner U-Bahn-Hof an. Anstatt einzugreifen zogen es die Herumstehenden vor wegzuschauen. Die Erinnerung an das Attentat, an die Schutzlosigkeit von damals, wurde mit einem Schlag wieder übermächtig. Das berechtigte Gefühl, im entscheidenden Moment keine Unterstützung zu erfahren, veranlasste Seyran Ateş, ihre Tätigkeit als Anwältin aufzugeben.
Wenige Wochen zuvor hatten Seyran und ich die Arbeit an einem gemeinsamen Drehbuch für einen „Tatort“ begonnen. Ich sagte Seyran, dass ich vollstes Verständnis dafür hätte, wenn sie sich auch aus dieser Arbeit zurückziehen wolle. Die Anfeindungen würden nicht geringer werden, schließlich hatten wir uns vorgenommen, in dem „Tatort“ von Familienehre, arrangierten Ehen, muslimischem Jungfräulichkeitskult und der Verzweiflung der Menschen zu erzählen, die in diese Mühlen geraten. Doch Seyran schaute mich nur an und sagte: „Quatsch. Ich kann doch nicht einfach aufgeben.“
Ihre Anwaltszulassung hat sich Seyran Ateş im vergangenen Jahr zurückgeben lassen. Unser gemeinsamer „Tatort“ wird Anfang Februar in der ARD ausgestrahlt. Und ihr nächstes Buch soll schon im Herbst 2009 erscheinen.
Happy End? Nicht ganz. Erstens ist die Geschichte von Seyran Ateş noch lange nicht zu Ende. Und zweitens sind die Probleme der Integration und Emanzipation in unserer Gesellschaft weit davon entfernt, ihrer glücklichen Lösung entgegenzustreben.
Liebe Seyran, ich fürchte, Du wirst noch oft Gelegenheit haben, sagen zu müssen: „Quatsch. Ich kann doch nicht einfach aufgeben.“ Und deshalb freue ich mich umso mehr, dass zumindest Teile dieser Gesellschaft erkennen, was Sie an Dir haben. Und Dir, Seyran-abla, nach dem Bundesverdienstkreuz, dem Berliner Landesorden und vielen, vielen anderen Ehrungen heute den Johann-Philipp-Palm-Preis für Meinungs- und Pressefreiheit verleihen.
Herzlichen Glückwunsch! Tebrik ederim!

