Palm-Stiftung

PALM-STIFTUNG

gemeinnütziger Verein e. V.
Schorndorf
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73614 Schorndorf

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Dankesworte von Sihem Bensedrine, Journalistin, Verlegerin und Politikerin aus Tunesien

Sehr geehrte Damen und Herren, Mitglieder der Stiftung, Mitglieder der Jury,
liebe Freunde,

zuerst möchte ich meine Freude darüber ausdrücken, dass ich unter Ihnen sein darf und mich vorläufig frei bewegen kann. Einige meiner Landsleute genießen diese Freiheit nicht, sich so zu bewegen wie ich. 

Ich denke an Sadri Khiari, Gründungsmitglied des CNLT, der das Land nicht verlassen darf, um sein Rigorosum in Paris abzulegen. 

Ich denke an den Richter Mokhtar Yahyaoui, der nicht nach Genf reisen darf, um der Einladung des Sonderberichterstatters der Vereinten Nationen über die Unabhängigkeit der Justiz zu folgen, da ihm verboten ist, das Territorium zu verlassen. 

Ich denke an den jungen Cyberdissident Zouhayer Yahyaoui, der eine zweijährige Gefängnisstrafe verbüßt,  und dies unter unmenschlichen Bedingungen, weil er es gewagt hat, das Regime von Ben Ali in seinem Forum „Tunezine“ im Internet zu kritisieren. 

Ich denke an die Tausenden  von Tunesiern, die auf Grund ihrer Meinungsäußerungen, ihrer Freiheit beraubt, in den tunesischen Kerkern sitzen. Ich denke an alle meine Mitbürger, die gleichsam in dem großen Gefängnis mit unsichtbaren Gitterstäben sitzen, zu dem Tunesien geworden ist. In dieser geschlossenen Gesellschaft erweist sich die Herausforderung der Kommunikation als der Schlüssel zur Demokratisierung der Gesellschaft. Sich für die Gesellschaft zu behaupten, sich in den Medien zu zeigen, ist ein wesentlicher Faktor ihrer Befreiung. 

Für die tunesischen Behörden  besteht das größte Verbrechen darin, Verbrechen aufzuklären  und nicht darin, sie zu begehen. Der Verstoß gegen Auflagen in der Presse und in der Meinungsäußerung ist für sie die größte Straftat, die sie bekämpfen.

Liebe Freunde, dieser Kampf, den Johann Philipp Palm vor zwei Jahrhunderten begonnen hat und den er mit dem Leben bezahlt hat, ist ein immer währender Kampf. Jede Zeit, jede Zivilisation hat ihre Inquisitionsgerichte, ihre Hexenverfolgungen, lässt Interdikte verhängen wider das freie Denken und das freie Sprechen. Denn diese Freiheit beunruhigt die konservativen Kräfte, weil sie die Keime des Fortschritts der Menschheit beinhaltet.  

Heute wird die Meinungsfreiheit in den südlichen Ländern weiterhin bedroht, in denen die Menschen sich nach einer Emanzipation der Bürger sehnen, und das ist nicht neu. Neu ist, dass sie auch im Abendland bedroht ist, besonders in den Vereinigten Staaten, wo man sich auf den Patriotismus beruft, um sie zu zügeln. Die Katastrophe vom 11. September und ihre Folgen werden weiterhin besorgniserregende Konsequenzen für die fundamentalen Freiheiten auf der Welt haben. Der Weg, den die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten gewählt haben, um den Terrorismus zu verringern, führt zu perversen  und verheerenden  Nebeneffekten und gefährden, dem Beispiel der Terrorakte folgend, die Grundlage der gemeinsamen Sicherheit, nämlich die Gerechtigkeit und die Rechtssicherheit. Die Aufforderung zu Kreuzzügen und heiligen Kriegen bedrohen unseren Planeten; und diejenigen, die es wagen, gegen den Strom zu schwimmen, werden verfolgt und als Verräter behandelt. Deshalb ist der Kampf von Johann Philipp Palm mehr als je aktuell. Sein Kampf bedeutet, dass man akzeptiert, in der Minderheit zu sein und gegen den Strom zu kämpfen, um seine Ideen zu vertreten. Er bedeutet aber auch, dass man akzeptiert, den Preis dafür zu bezahlen -  gleich, wie hoch er ist. 

Liebe Freunde, dieser Preis, mit dem Sie mich heute auszeichnen, ehrt mich sehr und macht mich glücklich. Ich bekomme ihn als eine Geste der Anerkennung für den Kampf aller Tunesier für Gedanken- und Meinungsfreiheit; und ich verspreche Ihnen, dieses Zeichen an meine Mitbürger weiterzugeben. Ich verspreche Ihnen auch, mein ganzes Leben lang dem Engagement für die Freiheit treu zu bleiben. 

Übersetzung aus dem französischen Original: Francette Klinger, Schorndorf

Dankesworte von Pfarrer Christian Führer, Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche, Initiator der Leipziger Montagsdemonstrationen

Liebe Damen und Herren!

Eine tunesische Journalistin und ein Leipziger Pfarrer, die sich dazu nie begegnet sind, was haben die gemeinsam?

Den Johann-Philipp-Palm-Preis für Meinungs- und Pressefreiheit, erstmals verliehen, zurückgehend auf den persönlichen Mut eines Einzelnen gegen die Arroganz der Macht eines Einzelnen im „Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung.“

Herzlich danke ich Ihnen für diese Ehrung, in der der Mut oder besser gesagt die Überwindung der Angst vieler Einzelner geehrt wird, die die Bergpredigt JESU zusammenfassten in dem Ruf „Keine Gewalt!“ und diesen Ruf nicht nur skandierten, sondern konsequent praktizierten und damit ein Wunder biblischen Ausmaßes auslösten. Die mit dem Ruf „Wir sind das Volk!“ eine Zivilcourage entwickelten, die wir in dieser Breite in Deutschland seit 1933 so schmerzlich vermissten.

Das alles war so ziemlich genau das Gegenteil von dem, wozu die Menschen erzogen worden sind. Die politischen suggestiven und repressiven Entmündigungsmechanismen sind weitgehend bekannt. Wie aber wuchs das Kind zu Hause auf im trauten Kreis der wohlmeinenden Familie?

„Drängle dich, Kindlein, nie vor!
Wenn du singst, singe im Chor.
Halte dich stets in der Mitte:
Hinten und vorn gibt es Tritte!
Angenehm lebt in der Welt,
wer heimlich beißt und nicht bellt.“
(Ensikat, „Herkuleskeule“, Dresden)

Das macht keine Revolutionäre. Das bringt keine Protestanten hervor. Da hätten das privilegierte und mauergeschützte Wohlstandsleben im Westen und das grautriste und mauergesicherte Ghettoleben im Osten des geteilten Deutschlands noch lange vor sich hin existiert. Wenn nicht... Wenn nicht auch andere Gedanken und Vorstellungen die Menschen ergriffen hätten.

Mir persönlich stand immer die Frage vor Augen: „Was würde JESUS dazu sagen?“

Da geht es schon los mit den Schwierigkeiten. Denn JESUS sagt: „Ihr seid das Salz der Erde.“(Matth. 5,13a) Nicht die Creme? Nicht die Oberschicht? Salz also. Hineinwirken in die Gesellschaft also. Nicht bei sich bleiben. Sich einmischen. Denn keine Weltanschauung oder Wirtschaftsordnung, kein Staat und kein System sind heilig zu sprechen. Müssen im Sinne JESU vermenschlicht werden.

Brauchen das Salz, damit das Ganze nicht ungenießbar wird.
Brauchen das Salz, damit das Ganze nicht verfault.
Brauchen das Salz, um das Eis der Entsolidarisierung und die Starre der Gewohnheit aufzutauen.
Brauchen die Wenigen, die sich in die Masse hineinwagen.
So ist das bis heute.
Und so haben wir uns auch dieser Gesellschaft nicht angepasst. 

Der Theologe Dietrich Bonhoeffer hat nach 10 Jahren Faschismus 1943 die Frage gestellt: „Sind wir noch brauchbar?“ Dieser Frage müssen auch wir uns immer wieder stellen, sie uns wie Bonhoeffer von Jesus gefallen lassen, der vom Salz weiter sagt:

„Wenn nun das Salz seine Wirkung verliert, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es fortschüttet und von den Leuten zertreten lässt.“ (Matth.5, 13b)

Nach einer Kirchenführung kam eine Frau aus den alten Bundesländern zu mir, sagte voller Anerkennung und Bewunderung: „Dass Sie das geschafft haben gegen diese Diktatur!“ Um im Blick auf die Gegenwart fortzufahren: „Aber gegen die Macht des Geldes kommen auch Sie nicht an.“

Wenn wir uns 1989 ernsthaft gefragt hätten, ob wir gegen das DDR-Regime mit all seiner militärischen und paramilitärischen Macht ankommen könnten, ob wir womöglich gar so etwas wie eine Revolution schaffen würden, und all das noch friedlich, hätte es nur eine Antwort gegeben: Niemals!

Aber das ist eben das Besondere. Jesus sagt nicht: „Könntet ihr vielleicht die Salzrolle in der Welt übernehmen; traut ihr euch zu, Salz zu sein?

Jesus sagt einfach „Ihr seid das Salz der Erde.“ Indikativ. Präsens.

Und so sind wir es also, Salz der Erde. Sagen das Wort und mischen uns ein.

  • Warnen vor dem Präsidenten, der durch die Welt zieht, um die Staaten und Völker zum Krieg einzuladen.
  • Denken dagegen an und stehen dagegen auf, wenn Neonazis mit ihren
  • gewaltverherrlichenden Parolen auf unsere Straßen wollen.
  • Versuchen, die Oppositionsparteien darauf aufmerksam zu machen, dass
  • Wahlkampf und Bundestagswahl bereits vorbei sind – und die Regierungskoalition, dass sie nun wirklich regieren darf und nicht mehr länger warten muss.
  • Weisen penetrant darauf hin, dass – Hartz hin oder Hartz her – der Skandal der Arbeitslosigkeit in dieser Größenordnung beseitigt werden muss.
  • Müssen den Menschen vermitteln, dass Demokratie nicht ohne das Volk funktioniert und Einkaufen kein Lebenszweck ist.
  • Fragen scheinbar naiv, dazu nachhaltig, ob die Demokratie notwendigerweise mit gnadenloser Marktwirtschaft gekoppelt sein muss.
  • Und rütteln an den Grundfesten mit der Feststellung: Der 2. Teil der Revolution steht noch bevor.

Es ist undenkbar, dass es nicht ausreichend kluge Menschen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gibt, die Ursachen und Wirkungen genau kennen, dazu taugliche Lösungsversuche. Aber es fehlt an Zivilcourage: Ohne Rücksicht auf Stellung und Gehalt das offene, wahre und womöglich unpopuläre Wort zu sagen und umzusetzen.

So müssen die führenden Personen in Politik und Wirtschaft also zunächst palm-preis-würdig gemacht werden, damit wir nicht wieder „Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung“ betrauern und beklagen müssen.

Das Preisgeld übrigens kommt in voller Höhe unserem kirchgemeindeeigenen Kindergarten zugute.

Danke!