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Festvortrag von Prof. Dr. h.c. Robert Leicht, politischer Redakteur der ZEIT, Hamburg

Wer hat Angst vor der Zivilcourage? Mannesmut vor Fürstenthronen und Politikermut vor Bürgersesseln

Über Zivilcourage in der deutschen Gegenwart zu sprechen, scheint zunächst doch eher ein Luxusproblem zu sein. Dies gilt vor allem, wenn wir uns Lebensumstände und Verdienst der heutigen Preisträger vor Augen halten – oder wenn wir an die früheren Träger des Johann-Philipp-Palm-Preises erinnern. Und Sie alle werden mir gewiss zustimmen, wenn wir auch heute in diese Erinnerung Anna Politkowskaja einschließen, die am 7. Oktober in Moskau ermordet wurde, als Antwort auf ihre unerschrockene Berichterstattung, nicht zuletzt über den – auf beiden Seiten – schmutzigen Krieg in Tschetschenien. Und Anna Politkowskaja steht zugleich für viele Journalisten, die von Feinden der Wahrheit ums Leben gebracht wurden.

Wo brauchte man in deutschen Landen heutzutage schon solche Zivilcourage? Gewiss: Bis 1989 hätte man im Osten unseres Landes darüber anders gedacht. Auch dies ist übrigens einer Gründe, sich über die Wiedervereinigung nach wie vor zu freuen, dass nämlich unsere Landsleute in den neuen Bundesländern nun endlich nicht mehr Zivilcourage aufbringen müssen, als wir Bewohner der gebrauchten Länder.

Aber müssen wir in diesem Land wirklich ernsthaft Zivilcourage aufbringen? Gut, man muss sich streiten, man muss für seine abweichenden Überzeugungen offen eintreten, wenn man etwas erreichen oder gar ändern will. Aber so ist das halt in der Demokratie! 

Dass dies so ist, ist einer langen Vorgeschichte zu verdanken, in der dann um 1800 auch als früher Kämpfer für bürgerliche Freiheiten und nationale Selbstbestimmung Johann Philipp Palm aufleuchtet, hier in Schorndorf aufgewachsen – und vor 200 Jahren, am 25. August 1806 aufgrund eines Dekrets des Franzosenkaisers Napoleon, also aus reiner Willkür erschossen. In seiner Verlagsbuchhandlung war ein Text mit dem Titel Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung erschienen, in dem zum Widerstand gegen die Franzosen und deren bayerische Verbündete aufgerufen wurde. Der eigentliche Akt der Zivilcourage des Namenspatrones des heute wieder zu vergebenden Preises bestand nun nicht nur darin, dass er diese Schrift zum Druck gebracht hatte, sondern dass er darüber hinaus sich bis zum Schluss weigerte, die Namen der eigentlichen Autoren preiszugeben. Ermordet wurde Palm, der Verleger von „Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung“ in Braunau am Inn. Dass die allertiefste Erniedrigung Deutschlands später ausgerechnet von Braunau ihren personifizierten Ausgang nehmen sollte – dies gehört zu den absonderlichen Merkwürdigkeiten unserer Geschichte.

Indes, als Johann Friedrich Palm seine Art der Zivilcourage unter Beweis stellte – da gab es diesen Begriff noch gar nicht. Das Wort selber geht ursprünglich auf Otto von Bismarck zurück, der als noch junger Abgeordneter am 17. Mai 1847 im Vereinigten preußischen Landtag eine seiner provozierenden Reden gehalten hatte. Bei einem Essen sagte ihm darauf ein älterer Verwandter: „Du hattest ja ganz Recht, aber so etwas sagt man doch nicht“, worauf Bismarck erwiderte: „Wenn du meiner Meinung warst, hättest du mir beistehen sollen.“ Die Episode hatte ihn so verstimmt, dass er später zu seinem Freund Robert von Kodell die seither legendäre Bemerkung anbracht: „Mut auf dem Schlachtfeld ist bei uns Gemeingut, aber Sie werden nicht selten finden, das es ganz achtbaren Leuten an Civilcourage fehlt.“

Zunächst scheint es so, als werde hier der Mut im Kriege dem Mut im Zivilleben gleichgestellt – oder, von mir aus, umgekehrt. Aber schon bei näherer Betrachtung dieses sozusagen Ausgangssatzes unserer heutigen Besprechung stoßen wir auf entscheidende Unterschiede. Mut im Kriege, das war – jedenfalls für den gemeinen Mann, und der war immer in der Überzahl – eine Sache von Befehl und Gehorsam. Aber Zivilcourage ist eben nicht durch Befehl und Gehorsam zu sichern und zu erzwingen, im Gegenteil: Im Zweifel richtet sie sich geradezu gegen Befehl und Gehorsam. Der militärische Gehorsam – und die befohlene Tapferkeit – kommen weithin von außen und müssen vom Soldaten verinnerlicht werden; die Zivilcourage hingegen muss von innen kommen und sich – eben als Äußerung –  gegen die Außenwelt durchsetzen. 

Sehr plastisch wurde dieser Unterschied, als einer unserer Bundeswehr-Soldaten in der Kontroverse um die Totenschädel-Bilder aus Afghanistan sein Mitmachen bei diesem lästerlichen Unfug so erklärte: Hätte er sich abseits gehalten oder gar Widerspruch eingelegt, hätte er damit rechnen müssen, als „Weichei“ verspottet zu werden. Da sieht man es: Wäre dem Mann ein tapferer Einsatz gegen Terroristen befohlen worden, so hätte er den militärischen Befehl gewiss erfüllt – doch der inneren Stimme zu folgen und aus eigener Kraft Nein zu sagen zu einem solchen Treiben, dazu fehlte ihm die Zivilcourage. Der arme Tropf wollte nicht als „Weichei“ erscheinen – und hat sich gerade deshalb als eines erwiesen. Es sei allerdings auch dies hinzugefügt: In der politisch-medialen Skandalisierung der Angelegenheit haben die Politiker sich in Empörungs-Eskalationen geradezu überboten (und die militärische Führung hat sich diesem Druck mehr oder weniger unterworfen), weil eben keiner von ihnen als moralisches Weichei erscheinen wollte – obwohl es die Zivilcourage doch auch gegenüber der Massen- und übrigen Presse (die mit diesem Skandal doch vorwiegend ihr Geschäft betrieben hatte)… obwohl es die Zivilcourage doch geboten hätte zu sagen: Nun mal halblang – und mit Augenmaß. Denn weder war dies eine Leichenschändung und Störung der Totenruhe nach unserem Strafgesetzbuch gewesen (dazu fehlte es an allen Tatbestandsvoraussetzungen) – noch war es, juristisch gesprochen, grober Unfug, denn der steht gar nicht mehr im Strafgesetzbuch. Dem politisch-medialen Skandalgott ist eifrig geopfert worden. Zivilcourage verantwortlicher Politiker sähe anders aus. Zur Ehre des Bundespräsidenten sei allerdings betont: Wenigstens Horst Köhler hatte sich exponiert, um die Dimensionen zurecht zu rücken.

Zurück noch einmal zum „Eisernen Kanzler“: Der Militär hatte seinerzeit, so nannte man das jedenfalls damals, nur zu parieren. Und der Zivilist damals – aber auch! Denn auch dieses wollen wir keineswegs vergessen. Bismarcks Stichwort kann ja nicht davon ablenken, dass er selber, wann und wo immer er über Macht verfügte, jegliche konträre Regung von Zivilcourage geradezu gnadenlos und rachsüchtig unterdrückte. Um nur ein Beispiel von vielen möglichen zu nennen: Vor den Wahlen wurden die Beamten des Königreichs Preußen wie des Reiches scharf angewiesen, sie hätten auf jeden Fall für die die Regierung tragenden Partei zu stimmen – wehe, wenn nicht. Aber auch sonst war im weitesten Sinne Ruhe durchaus die erste Bürgerpflicht – und der Zivilist ohnehin ein Bürger zweiter Klasse in einem politischen und gesellschaftlichen System, in dem der Mensch eigentlich erst beim Reserveleutnant anfing.

Es fehlte eben in deutschen Landen, und übrigens nicht nur dort, ein Autor wie der Engländer John Stuart Mill, der im Eingang seiner Schrift über die Freiheit von 1859 herausarbeitete, dass mit der Etablierung einer Repräsentativverfassung – davon waren die deutschen Staaten seinerzeit ja noch weit entfernt – das Problem des gesellschaftlichen Konformitätsdruckes keineswegs erledigt sei. Er spricht sogar von einer bedrückenden „Tyrannei der Mehrheit“ – und fährt in diesem Sinne wörtlich fort:

„Die Gesellschaft kann ihre eigenen Erlasse ausführen und tut es auch; und wenn sie unvernünftige Befehle statt richtiger erlässt oder sich überhaupt in Dinge mischt, die sie nichts angehen, dann übt sie eine soziale Tyrannei aus, fürchterlicher als viele andere Arten politischer Bedrückung…Schutz gegen die Tyrannei der Bürokratie ist daher nicht genug. Wir brauchen zudem einen Schutz gegen die Tyrannei des vorherrschenden Meinens und Empfindens, gegen die Tendenz der Gesellschaft, durch andere Mittel als staatliche Strafen ihre eigenen Ideen und Praktiken als Lebensregeln denen aufzuerlegen, die eine abweichende Meinung  haben, – auch gegen die Tendenz, die Entwicklung und, wenn möglich, die vollendete Ausformung einer jeden Individualität abzuschnüren, die nicht mit ihrem eigenen Kurs harmoniert, und alle Wesen zu zwingen, sich nach ihrem eigenen Modell zu formen.“ 

Das sprachliche Pathos in Mills Darlegungen mag uns überholt erscheinen – seine soziologische und mentale Analyse ist von bleibender Aktualität, gerade in  einer Zeit des Moden- und Markenzwanges. Es gibt schließlich auch einen Konformismus der selbstherrlichen Regelmissachtung und der sachlichen Anspruchslosigkeit.

Für die Kreativität und Produktivität, aber auch für die freiheitliche Würde einer Gesellschaft kommt es entscheidend darauf an – und auch hierin können wir direkt auf John Stuart Mill zurückgreifen – , welches Maß an Non-Konformismus und substantieller Individualität sie gegen die, wie Mill es nennt, „kollektive Mittelmäßigkeit“ aufbieten kann.

Freier geht es gewiss zu in einer solchen vitalen Gesellschaft, einfacher gewiss nicht. Ja, wahrscheinlich kann man es auch mit der Angst zu tun bekommen – mit Angst mindestens vor Kontrollverlust, auch mit Furcht um den Bestand der eigenen, vermeintlich gesicherten Überzeugung. Denn der Witz des produktiven Non-Konformismus ist es ja gerade, dass er die Sicherheit der offenen Kontroverse höher setzt als die Sicherheit der vorherrschenden Meinung – und dies bewusst auch um den Preis, dass die abweichende Meinung durchaus verfehlt sein kann. Die Pointe des Non-Konformismus liegt darin, dass mir der Widerspruch im Zweifel wichtiger ist als der Zuspruch. Ein solcher Widerspruch kann ja, machen wir uns nichts vor!, zumindest äußerst lästig sein – und der Widersprechende ist manchmal wirklich nur eine Nervensäge. Aber immer noch gilt: Lieber törichter Widerspruch als dumpfe Zustimmung.

Ich frage mich gelegentlich, wie viel Unsinn in deutschen Vorstandsetagen hätte verhindert werden können, wenn sich dort nicht immer noch erhebliche Restbestände autoritärer Herrschaft und altertümlichen, sozusagen vor-bismarckschen Macho-Gehabes halten könnten.

Bismarck forderte Zivilcourage – und fürchtete, ja unterdrückte sie (gerade deshalb) rigoros. Ja, Zivilcourage hat durchaus auch etwas mit Angst zu tun – mit einer Angst, die beide überwinden müssen: derjenige, der sie wagt – und derjenige, der sie geboten bekommt.

Wir wollen aber heute davon absehen, von dieser Stelle aus neuerlich zur aktiven Zivilcourage aufzurufen. Das ist zwar immer wieder richtig, auch immer wieder notwendig – aber doch auch zugleich so ermüdend wie jeder Aufruf zum moralisch Selbstverständlichen. Aber es hat durchaus seine außerordentliche Berechtigung, dass die Palm-Stiftung immer wieder Beispiele gelebter Meinungs- und Pressefreiheit, also der Zivilcourage auszeichnet; vor allem, dass sie dabei über die Grenzen unseres Landes hinausschaut, dorthin, wo der aufrechte Gang der Journalistinnen und Journalisten weitaus mühseliger ist. Persönliche Vorbilder wirken allemal überzeugender (und überdies zugleich beschämender) als allzu hochgemute Sätze.

Deshalb – und bevor wir uns dem zweiten Teil, sozusagen dem Untertitel des Vortrages zuwenden – nur wenige pragmatische Ratschläge.

Zum ersten: Persönlichkeiten wie Johann Philipp Palm haben in der Verfassungs- , und Gesellschaftsgeschichte unseres Landes uns Nachgeborenen die enormen Freiräume vorbereitet, in denen wir uns bewegen können; auch wenn – dunkle Paradoxie unserer Geschichte! – all dieses zwischen 1933 und 1945 erst noch einmal aufs Fürchterlichste zu Schanden werden musste, bevor es doch nun hoffentlich befestigt steht. Aber Freiräume müssen genutzt werden, sonst verkümmern sie, wie Muskeln, die keiner betätigt. 

Dazu bedarf es – heute jedenfalls – keiner Helden, sondern nur möglichst vieler Frauen und Männer, die verhindern, dass wir eines Tages wieder Helden brauchen: Die Wachsamkeit, das offene Wort, auch der Widerstand, jeweils aber: im Kleinen – das ist es, was eine freie Gesellschaft braucht. Keine dieser Aufmerksamkeiten ist, für sich genommen, eines Preises würdig – aber zusammengenommen verhindern sie, dass wir eines Tages einen hohen Preis bezahlen müssen.

Zweitens: Mancher sieht mutiger aus, als er es ist – dabei hat er über eventuelle Risiken einfach nicht nachgedacht. Aber wer sich da und dort in seinem Alltagsleben vor seinem Gegenüber und dem freien Wort fürchtet, obwohl es ihm von seinem Gewissen und seiner Selbstachtung geboten wird – der spreche es dennoch einfach aus. Oft wird er überrascht feststellen, dass der Andere es gar nicht so krumm nimmt, wie befürchtet – wenn aber nicht: Dann ist es immer noch besser, der andere ärgert sich über einen, als man selbst – über sich selber. Das Letztere nämlich untergräbt nach und nach die Selbstachtung und krümmt den aufrechten Gang.

Drittens: Eigentlich meinen wir, Zivilcourage werde vor allem dadurch betätigt, dass man rechtzeitig den Mund auf- und auf Missstände aufmerksam macht. Schon wahr! Aber in die heutige Medien-, Politiker- und Partywelt hinein sei auch dies gesagt: Es gehört heutzutage nicht selten eine erhebliche Zivilcourage dazu, einfach einmal –  gut lutherisch ausgedrückt – das Maul zu halten, anstatt sich an jedem sogenannten Diskurs oder Talk zu beteiligen und dabei die Prämie für möglichst schrilles Gerede einzustreichen. „Wir bringen unsere Tage zu wie ein Geschwätz!“, klagte schon der Psalmist. Das Ärgerliche an diesem Geschwätz ist aber nicht nur der unmittelbare verbale und gedankliche Leerlauf, sondern die Tatsache, dass darüber die Ohren und Sinne für das wirklich Wichtige abstumpfen.

Nun aber zum zweiten Teil und Untertitel des ihnen versprochenen Vortrags: „Mannesmut vor Fürstenthronen und Politikermut vor Bürgersesseln“.

Das ursprüngliche Motto – von Friedrich von Schiller – formuliert, stammt aus einer Zeit, in der das eigentliche Problem in der Tat die Fürstenwillkür war. Schiller übrigens, in der letzten Strophe seiner „Ode“, der wir seit Beethoven den Zusatz „an die Freude“ beigeben, benutzte ein anderes Wort:

Festen Mut in schweren Leiden,
Hilfe, wo die Unschuld weint,
Ewigkeit geschwornen Eiden,
Wahrheit gegen Freund und Feind,
Männerstolz vor Königsthronen,
Brüder, gält' es Gut und Blut! 
Dem Verdienste seine Kronen,
Untergang der Lügenbrut! 

Männerstolz – heute auch, schon im Blick auf unsere Preisträgerin: Frauenstolz : Das verweist eben auf die Selbstachtung (im Gegensatz zum nur befohlenen Gehorsams-Mut), auf die Motivierung der Zivilcourage aus dem Inneren der Persönlichkeit!

Die Throne sind beiseite geräumt worden – anderswo etwas früher als bei uns. Doch wir hatten schon bei John Stuart Mill erfahren, dass es im Hinblick auf die Freiheit mit der Beschränkung politischer Allmacht durch demokratische Selbstregierung längst nicht getan ist. Auch wenn der Mannesmut – und der Frauenstolz - vor Fürstenthronen nicht mehr nötig sind, weil es keine Fürsten (und Diktatoren) mehr gibt, lauert doch selbst im rechtlich und konstitutionell verfassten Staat stets die gesellschaftliche Tyrannei der Mehrheit, also der regellos mächtige soziale Konformismus. Diese Bedrohung aber, und insofern haben wir über John Stuart Mill hinaus zu lernen, richtet sich heutzutage nicht nur gegen das irritierte, machtlose Individuum, sondern in der gegenwärtigen Demokratie auch gegen die vermeintlichen Inhaber der Macht selber, gegen die Politiker – und zwar als Einzelne wie als Kollektive, also auch gegen die Parteien.

Sowohl Gerhard Schröders viel zu später Aufbruch zur Agenda 2010 als auch Angela Merkels Wahlkampf im vorigen Jahr für eine einigermaßen konsequente Reformpolitik wurden entweder von der eigenen Mehrheit (so bei Schröder) oder von den schon sicher geglaubten Wählern (so bei Frau Merkel) abgestraft – wobei wir nicht vergessen wollen, dass Schröder aus gnadenlosem Opportunismus und wider besseres Wissen jenen durchaus zivilcouragierten „Professor aus Heidelberg“ höhnisch lächerlich gemacht hat, obwohl er unter anderen Umständen dessen vielleicht etwas unzeitgemäß vorgebrachten Thesen locker hätte zustimmen können, ja sachlicherweise sogar hätte zustimmen müssen. Aber bevor wir uns in deutschen Parteilichkeiten allzu schnell verstricken, sollten wir zugleich sehen: Überall dort, wo in Europa Regierungen mutig genug waren, entschlossene Reformen einzuleiten, übrigens auch mit messbaren Erfolgen. Die deren Länder besser dastehen lassen als unseres, wurden sie hernach in Wahlen nicht etwa belohnt, man schaue nach Dänemark, Holland, Österreich, vielleicht – wenngleich mit gewissen außenpolitischen Einschränkungen – auch nach Großbritannien.

Das systemische Problem dahinter lässt sich wie folgt umreißen: Werden die Demokratien imstande sein, ihre Politiker und Wähler – und zwar aus freien Stücken – zu der Einsicht zu erziehen, dass jede Generation die Rechnungen für ihre Lebensentscheidungen und Ansprüche aus der eigenen Tasche zu bezahlen hat? Sonst nämlich geht am Ende die Rechnung nicht auf und freiheitliche demokratische Verfassung unter. In der bisherigen Geschichte haben Demokratien durchwegs auf der Grundlage gelebt, dass sie wesentliche Anteile – sozusagen – ihrer „Lebenshaltungskosten“ auf andere abgewälzt, also – wie der Ökonom sagt – „externalisiert“ haben. Das fing so an in der attischen Demokratie, die sich ihre Getreidekontributionen bis aus dem Schwarzen Meer heranschiffte, das war so im Kolonialismus, das ist bis heute so – etwa darin, dass wir die ökologischen Folgelasten unseres Lebensstils kommenden Generationen von Menschen und Tieren auf Erden und in der Atmosphäre zuschieben. Helmut Schmidt hatte schon 1982  seiner SPD-Fraktion vorgehalten, die sozial-liberale Koalition habe in den 13 Jahren seit 1969 ihre „Erfolge“ wie folgt finanziert: durch eine Flucht in die beschleunigte Staatsverschuldung, in die Inflation, durch ein Zusammenstreichen öffentlicher Investitionen, also der Zukunftssicherung, sowie durch eine stärkere steuerliche Belastung der Arbeitnehmer. Irgendwie hat sich daran im Grundsatz und per saldo noch nichts geändert, wie immer die Koalitionen parteipolitisch eingefärbt waren.

Es fehlte eben der „Politikermut vor Bürgersesseln“ – und dieses Defizit ist auf die Dauer unserer politischen Ordnung und Freiheit nicht minder unbekömmlich als der Mangel an individueller Zivilcourage. Dabei ist ja gar nicht zu bestreiten, dass es im Blick auf eigene Wahlaussichten und Karrieren überaus schwierig ist, für politisch notwendige Zumutungen und Einsichten zu werben – das haben wir ja im letzten Wahlkampf und in diesem Jahr danach nur zu deutlich gesehen. Da hilft auch kein oberflächliches Moralisieren. Doch je länger man mit der Wahrheit zuwartet, desto schwieriger wird es, sie auszusprechen. Als der Bundesfinanzminister kürzlich sagte, man müsse im Hinblick auf das eigene Alter vielleicht auch gegenwärtigen Konsum etwas einschränken, vielleicht auch auf die eine oder andere Urlaubsreise einmal verzichten – war das Geheul groß, vor allem in der populistischen Massenpresse. Und keiner seiner politischen Kollegen wagt es, ihm einfach beizuspringen. Mancher mag sich gedacht haben: „„Du hattest ja ganz Recht, aber so etwas sagt man doch nicht“ – Sie erinnern sich gewiss des Zitates…  Und dabei hätte auch Peer Steinbrück ohne Weiteres auf Bismarck zurückgreifen können: „Wenn du meiner Meinung warst, hättest du mir beistehen sollen – aber du wirst nicht selten finden, das es ganz achtbaren Leuten an Civilcourage fehlt.“

Gustav Radbruch, der bedeutende Rechtsphilosoph und Justizreformer in der Weimarer Republik hat zum Verfassungstag 1931 gesagt: „Deutsche Parteien haben die einfache Wahrheit noch nicht zu beherzigen vermocht, dass Regierung oder für eine Regierung verantwortlich sein heißt: Wählerstimmen verlieren. Die Kunst, ohne Risiko zu regieren, ist noch nicht erfunden worden.“

Wir erleben heute, wie ungemein schwierig es ist, einer anspruchsorientierten Wählerschaft das politisch Notwendige abzuringen – und gleichwohl Wahlen zu gewinnen; und welche Zivilcourage Politikern abverlangt wird, die ein Volk aus dieser inflationären Anspruchsspirale bei gleichzeitigem internationalen Wettbewerb herauszuführen. Lieber beschließen sie, zum Fenster hinaus, eine Verlängerung des Arbeitslosengeldes I – und erklären gleichzeitig im Saale: Daraus wird natürlich nichts! Welch’ verächtlicher Dummenfang!! Wobei sich doch selbst die sogenannten Dummen so gar nicht mehr einfangen lassen! 

Irgendwann müsste doch das Nachdenken darüber einsetzen, weshalb wir es in unserer parlamentarischen Politik und parteipolitischen Rhetorik zwar so herrlich weit gebracht haben mit dem Dem-Volke-nach-dem-Munde-reden und der Professionalisierung der Meinungsforschung und Wahlpropaganda –  und trotzdem (oder gerade deshalb) die Beteiligung an Wahlen, das Engagement in Parteien und die Zufriedenheit mit dem Funktionieren unserer Demokratie so drastisch nachlässt.

Wir sollten also die Kurzsichtigkeit unserer Perspektive korrigieren – und das gilt auf die individuellen wie auf der politischen Ebene: Nur wer sich selber achtet, kann die Achtung der anderen erringen. Nur wer Zivilcourage wagt, kann auch auf bürgerliche Reputation hoffen. Und wer jede politische Zumutung verweigert, darf auf Dauer nicht mehr mit politischem Zuspruch rechnen. Das aber setzt eines voraus: Das wir uns, jeder und jede für sich, aber auch jede Interessengruppe und jede Partei für sich und für alle andern, von der Selbsttäuschung befreien, ein Gemeinwesen könne erhalten werden und gedeihen, wenn jeder immer nur seinen eigenen kleinen Nutzen vor Augen hat, wenn jeder nur zu seinem eigenen Vorteil redet und alle nur wie eine Ministerpräsidentin, die ihr Amt schwinden sieht, öffentlich fragen: „Und was wird dann aus mir?“

Ich möchte dies alles zum Beschluss anschaulich machen an zwei Politikern, denen ich selber gerne gleichzeitig und zu gleichen Teilen einen Preis für politische Zivilcourage verleihen würde – wenn ich denn die Aussicht sähe, sie noch gleichzeitig an einen Tisch zu bekommen. Der eine der beiden wird in sechs Tagen 80 Jahre alt, der andere bald 88. Beide sind so konträr, wie man es sich nur vorstellen kann, obwohl sie einer Partei angehören. Aber wir hatten ja schon festgestellt: Für den Lob-Preis der Zivilcourage kommt es nicht darauf an, ob jemand nach – etwa –  meiner Ansicht, in der Sache recht hat. Ich kann mich also auch durchaus über die Zivilcourage zweier Politiker freuen, die einander heftig widersprechen, wenn sie nur den Mut aufbringen, für ihre Überzeugungen einzutreten – auch wenn sie dies ihr Amt kostet oder ihre Wahlaussichten schmälert. Erhard Eppler also und – wir nannten ihn schon – Helmut Schmidt. 

Wer wollte bestreiten, dass Erhard Eppler, der am 9. Dezember ziemlich in der Nähe von hier, seinen 80. Geburtstag begeht, viele Prügel, Spott – auch von Helmut Schmidt! – und viele vordergründige Misserfolge hinzunehmen hatte, weil er für seine Überzeugungen geradlinig eingetreten ist – und dass er dennoch eine der prägenden und, ja: wertkonservativen Figuren in diesem Lande ist, von dem wir viel über die Ernsthaftigkeit der Welt und er Politik gelernt haben? 

Und wer wollte bestreiten, dass Helmut Schmidts Bedeutung und Achtung bis heute damit zu tun haben, dass er sowohl in der Finanzpolitik als auch in der Sicherheitspolitik seinen Kurs selbst gegen innerparteiliche Kritik – gerade auch von Erhard Eppler – durchgehalten hat, obwohl ihm durchaus klar dabei war, dass er damit das Ende seiner Regierung herbeiführen würde?

Wer aber schließlich wollte bestreiten, dass eben beide – gerade auch in ihrem unüberbrückbaren Widerspruch zueinander – ein je eindrucksvolles Vorbild von dem gelebt haben, was wir unter dem Stichwort „Politikermut vor Bürgersesseln“ gefordert haben – und weiter fordern dürfen, solange wir selber den Männer- und Frauenstolz, ja: vor Königsthronen? – nein: vor unserer eigenen Zaghaftigkeit und Vorteilsangst aufbringen.

Vorbilder wie unsere beiden heutigen realen Preisträger und wie meine beiden zusätzlichen, hypothetischen Preisträger – Vorbilder, wir sagten es schon, wirken allemal überzeugender (und zumal beschämender) als alle allgemeinen Forderungen. Und deshalb ist dazu auch nichts Weiteres mehr zu sagen. 

Vor der Zivilcourage kann man also durchaus