Palm-Stiftung

PALM-STIFTUNG

gemeinnütziger Verein e. V.
Schorndorf
Wallstraße 2
73614 Schorndorf

Telefon: +49 7181 9911847
Telefax: +49 7181 22010
info@palm-stiftung.de

Dankesrede von Asja Tretyuk, freie Journalistin aus Weißrussland

Sehr geehrte Frau Dr. Maria Palm,
sehr geehrte Vertreter der Johann-Philipp-Palm-Stiftung,
sehr geehrte Kuratoren,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

vielen Dank für die Ehre, die mir heute durch die Auszeichnung mit diesem hochangesehenen Preis erwiesen wurde. Es ist der Preis einer Stiftung, die den Namen eines mutigen deutschen Patrioten, des kühnen Buchhändlers und Verlegers Johann Philipp Palm trägt. Unwillkürlich muß ich das, was ich heute hier sehe und empfinde, damit vergleichen, wie man mit Journalisten in meiner Heimat umgeht. Dadurch gewinnt dieser Preis für mich eine besondere Bedeutung.

Ich komme aus einem Land, in dem der Abbau wirtschaftlicher Reformen in vollem Gange ist. Ein Land, in dem eines der grundlegenden Prinzipien der Demokratie, der Grundsatz der Gewaltenteilung, nicht funktioniert, in dem die Justiz der Exekutive vollständig untergeordnet ist und in dem das Parlament entmachtet ist, weil die Gesetze im Land durch Dekrete des Präsidenten ersetzt werden, die meist die Rechte und Freiheit der Persönlichkeit und der Zivilgesellschaft einschränken.

Es ist eine allgemein bekannte Tatsache: Das Wahlsystem der Republik Weißrußland entspricht nicht den internationalen Normen. Deshalb hat die Staatengemeinschaft keine der in den vergangenen zehn Jahren abgehaltenen Wahlen als legitim anerkannt. Das trifft im Übrigen auch auf den Inhaber des höchsten Staatsamtes zu; Alexander Lukaschenko hat sich im November 1996 durch einen verfassungswidrigen Umsturz vom Präsidenten zum Diktator gemacht.

In einem Interview mit der Zeitung „Handelsblatt“ hat Lukaschenko behauptet, zu Adolf Hitlers Zeiten sei nicht alles schlecht gewesen in Deutschland. Und noch ein Ausspruch Lukaschenkos ging als geflügeltes Wort um die Welt – „ich werde mein Volk nicht in die zivilisierte Welt führen“. Dieses Versprechen hat er gehalten. Ein Beweis dafür ist, daß die Zustände in Weißrußland ständig auf der Tagesordnung der internationalen Politik stehen und wie ein Refrain die Forderung erhoben wird, die Verfolgung der Oppositionellen und der unabhängigen Presse zu beenden.

Der Kampf des weißrussischen Regimes gegen die oppositionell gestimmte Öffentlichkeit richtet sich vor allem gegen die unabhängigen Massenmedien. Mit jeder Kampagne der Machthaber gegen die angebliche Wühlarbeit feindlicher Kräfte gegen Weißrußland, gegen die Umtriebe des Westens, der CIA und anderer Volksfeinde, sprich Feinde des Präsidenten, stärkt das Regime seinen eigenen Propagandaapparat und blockiert zugleich alternative Informationsquellen, denen die demokratisch gesinnten Kräfte vertrauen. Als Ergebnis sind viele bedeutende unabhängige Publikationen im Fluß des Vergessens versunken, und Journalisten, die dem totalitären Regime nicht dienen wollten, verstärken das Heer der Arbeitslosen.

Bei einer Besprechung mit hochrangigen Mitgliedern der Führung im März 2003 verlangte der weißrussische Diktator vom Minister für Information eine Bestandsaufnahme aller Medien im Land. Der Befehl lautete wörtlich – ich zitiere –: „Diejenigen, die sich nicht anpassen, die nicht im Gleichschritt gehen und die zum Schaden des Staates arbeiten, sind zu liquidieren.“

Das spricht dafür, daß in Weißrußland die unabhängigen Medien keines natürlichen Todes sterben. Sie werden vernichtet, zynisch und skrupellos. Wie bei einem klassischen Mord gibt es Auftraggeber und Mörder. Aber es gibt auch einige Besonderheiten: Die „Killer“ verstecken sich hier nicht hinter einer Maske und tragen auch keine Schußwaffen. Im Gegenteil, sie posieren ganz offen vor den Schildern ihrer Amtsstuben und erläutern, warum sie wieder einen rechtswidrigen Befehl ausgeführt haben, statt sich an die Verfassung zu halten. Diese „Killer“ sind nämlich in der Regel Staatsbeamte und werden vom Regime gedeckt. 

Dennoch, das weißrussische Regime siecht dahin. Deswegen ist für die Machthaber die beste Oppositionszeitung eine verbotene Oppositionszeitung. 

Die Zukunft meines Landes wird heute weder im Kreml noch in Washington oder in Brüssel und schon gar nicht von der Regierung des weißrussischen Diktators bestimmt. Diese Zukunft wird in den Köpfen meiner Mitbürger entschieden. Wie erbittert der Widerstand auch sein mag – wir Journalisten glauben, daß die Zeit nicht mehr fern ist, in der sich anstelle der virtuellen Grabsteine für die unabhängigen Massenmedien in Weißrußland ein reales Monument der Pressefreiheit erheben wird. 

Ich möchte noch einmal der Johann-Philipp-Palm Stiftung und Frau Maria Palm persönlich für Ihre Arbeit, Ihre Unterstützung, Ihre Solidarität und Ihre Anteilnahme für mein Land danken, dessen Zukunft zu einem bedeutenden Teil in den Händen der schreibenden Zunft liegt.

Gott sei gedankt dafür, daß es Sie gibt.

Aus dem russischen Original von Ljasat Paulwitz, Stuttgart

Dankesrede von Pap Saine, Journalist und Chefredakteur der Tageszeitung „The Point“, Gambia

Ich danke den Organisatoren dieser Preisverleihung, dass sie die Tageszeitung The Point dieser Ehre für würdig befunden haben. Ich weiß, dass es viele Tageszeitungen gibt, die dieser Auszeichnung ebenso würdig wären, aber ohne Frage überwiegt die Freude, dass wir sie für The Point gewinnen konnten.

Die Zeitung The Point wurde am 16. Dezember 1991 gegründet, um die Ideale der Demokratie und Freiheit zu fördern. Die Zeitung begann mit einer wöchentlichen Auflage, die jeden Montag erschien, ab 1993 dann zweimal wöchentlich. 1995 wurden es dreimal die Woche. Aber seit Anfang dieses Jahres erscheint die Zeitung täglich.

Als ich als junger Mann vor etwa drei Jahrzehnten den Weg des Journalismus antrat, geschah das mit einem Gefühl von Abenteuer, es war unsicher, wohin er mich führen würde. Aber ich glaubte daran. Und wenngleich der Weg des Journalismus mich über die Jahre hinweg auch durch Freud und Leid geführt hat, glaube ich auch jetzt noch an die Rolle des Journalisten als Agent des sozialen Wandels. Ich wurde inhaftiert und bedrängt, weil ich mich geweigert habe, meine Quellen preiszugeben. Und ich habe darüber hinaus einen Kollegen und Bruder verloren, Deyda Hydara, der am Lenkrad seines blauen Mercedes Benz niedergeschossen wurde, als er am 16. Dezember 2004 nach der Arbeit nach Hause fuhr.

Seltsamerweise starb er am 13. Geburtstag der Zeitung.

Deyda Hydara war über 35 Jahre hinweg mein Alter-Ego. Mehr als irgendeine andere Person, die ich je kennen gelernt habe, widmete er all seine Zeit, seine Kraft, sein ganzes Leben den glänzendsten Idealen des Journalismus. Er war ein kompromissloser Verteidiger der Pressefreiheit und der Meinungsfreiheit im Allgemeinen. 

Sein Tod illustriert die Gefahren, die mit der Ausübung des Journalismus in Afrika verbunden sind. Journalisten in Afrika werden in den meisten Fällen bedroht, angegriffen, inhaftiert oder getötet, wie es bei meinem Kollegen Norbert Zongo aus Burkina Faso und auch bei Dele Giwa aus Nigeria der Fall war. Das Ergebnis ist, dass es viele helle Köpfe aus Angst aus dem Bereich des Journalismus in andere Berufe treibt, die sie für sicherer halten. Und viele weitere fürchten sich, mit ins Boot zu steigen.

Denn die, die es sich zutrauen, sich dem Sturm zu stellen, müssen sich immer noch gegen drakonische Gesetze und exorbitante Gebühren für die Registrierung von Zeitungen, die ganz offensichtlich nur deswegen erlassen und auf die unabhängige Presse Afrikas angewandt werden, um diese linientreu zu machen. In Gambia wurden zum Beispiel zwei solcher Gesetze von der Judikative des Landes erlassen – der Zusatz zum Strafgesetzbuch von 2004 und der Zusatz zum Pressegesetz, ebenfalls von 2004. Das erste der beiden macht Verleumdung zu einer strafbaren Handlung, die mit mindestens 6 Monaten Haftstrafe geahndet wird. Das Gesetz führt aus, dass die Unkenntnis der Falschheit solcher Beschuldigungen keine Entlastung darstellt. Der zweite Erlass erhöht die Registrierungskosten für eine Zeitung oder Sendestation von 100.000 Dalasis auf 500.000 Dalasis (etwa 20.000 US$). Beide Gesetze wurden von Gambias Nationalversammlung am 13., bzw. am 14. Dezember verabschiedet, obzwar sie erst noch in Kraft treten müssen.

Das alles hängt mit der armseligen Wahrnehmung der Rolle des Journalisten zusammen. Journalisten ermöglichen Demokratie und Entwicklung, indem sie als Schnittstelle zwischen Regierung und Bevölkerung agieren. Im Journalismus geht es nicht nur darum, Fakten zu sammeln; es geht um die Analyse und Interpretation dieser Fakten.

Der Journalist schuldet es der Öffentlichkeit, sie mit genug Einzelheiten zu versorgen, so  dass sie diese Tatsachen auswerten und sich ihre eigene Meinung bilden kann. Journalisten können diese Aufgabe nicht sinnvoll ausführen, wenn repressive Maßnahmen angewandt werden, um ihre Anstrengungen zunichte zu machen. In der Folge werden sowohl Demokratie als auch Entwicklung behindert.

Afrika geht zurzeit durch eine schwierige Phase in seiner Entwicklung; es wird geplagt von Kriegen, Seuchen, Hunger. Unter diesen Umständen kann es sich ein afrikanischer Journalist nicht leisten, sich in den Elfenbeinturm zurück zu ziehen. Er oder sie müssen einen entschiedenen Schritt wagen und für eine gute Regierungspolitik einstehen, denn die Mehrzahl der Schwierigkeiten Afrikas ist auf einen unfähigen und unverantwortlichen Führungsstil zurückzuführen. Wenn sie sich selbst auf einer Skala der Menschenrechte bewerten müssten, würden sich die meisten afrikanischen Führungspersönlichkeiten selbst widerstrebend ein Reifezeugnis ausstellen!

Afrikanische Journalisten sind nicht immun gegen die Auswirkungen der schweren ökonomischen Krise, die den Kontinent schüttelt. Inmitten des Kampfes, ihre Zeitungen auf dem neusten Nachrichtenstand zu halten, müssen die meisten afrikanischen Journalisten angesichts der unerschwinglich teuren Kosten der Zeitungsproduktion mit einem Hungerlohn auskommen. Im Endeffekt wird der Journalist anfällig sein für die Manipulationen derer, die persönliche Besitzstände zu wahren haben, wenn er nicht mit hohen Grundsätzen und einem starken Willen ausgestattet ist.

Über die Jahre hinweg hat die Technologie die Praxis des Journalismus weltweit verändert. Anders als in meinen prägenden Jahren im Beruf, als Neuigkeiten sich langsam verbreitet haben, rasen Nachrichten nun mit Lichtgeschwindigkeit um die Welt. Mit einem Knopfdruck werden zum Beispiel Ort und Ton dieses Festaktes auf der ganzen Welt weitergemeldet. Obwohl afrikanische Journalisten sich in den Annehmlichkeiten und in der Wirksamkeit des Informationstechnologie-Zeitalters sonnen, muss noch viel getan werden, was Ausrüstung und Ausbildung angeht. Wo Computer und andere technische Geräte, die die Arbeit vereinfachen, zur Verfügung stehen, sind sie für gewöhnlich altmodisch und somit fallen afrikanische Journalisten hinter ihren Kollegen aus dem Westen zurück, denen der Zugriff auf modernste Technologie im Sinne von „up-to-date“ und „state-of-the-art“ möglich ist.

Ein afrikanischer Journalist muss am Ball bleiben, um sich auf den neusten Stand mit den rasanten Entwicklungen in seinem Beruf zu bringen. Unglücklicherweise gibt es in Gambia, wo ich herkomme, kein anerkanntes Institut für Journalismus, in dem aufstrebende Journalisten in die Kunst ihres Handwerks eingelernt werden könnten. Deshalb mussten Neueinsteiger in den Beruf bisher mit spontanen Trainings-Programmen auskommen.

An dieser Stelle ziehe ich meinen Hut vor jedem afrikanischen Journalisten für seine Widerstandsfähigkeit, stetig weiterzukämpfen, trotz gewaltiger Torturen. Wir haben viel durchgemacht. In Afrika haben wir eine Fabel über die Neigung der Agama-Echse zur Selbstmotivation. Der Fabel nach fiel die Agama-Echse von der Spitze eines Iroko-Baumes und bemerkte,  dass niemand da war, um sie zu beglückwünschen. Daher beschloss sie, sich selbst zu gratulieren, indem sie mit dem Kopf nickte.

Kein afrikanischer Journalist wird seine oder ihre Berufung jemals aufgeben, den Kontinent von schlechten Regierungsführungen und den damit einhergehenden politischen, sozialen und wirtschaftlichen Rückschlägen, zu befreien. Um dieses Ziel jedoch zu erreichen, benötigen sie die Unterstützung und Hilfe von Freunden Afrikas. Es ist dringend notwendig, dass die Internationale Gemeinschaft Druck auf die afrikanischen Regierungen ausübt, Journalisten als Partner in Sachen Entwicklung und Aufbau der Demokratie auf dem Kontinent zu respektieren. 

In dieser Angelegenheit sollten sie dazu gebracht werden, den Wert von Dialog und Unterredung und Diskussion als Markstein gegenseitiger wohltätiger Beziehungen zwischen Regierung und Medien zu erkennen – ganz im Gegensatz zu rigiden Mediengesetzen oder Brandanschlägen oder Verboten von Zeitungen und Rundfunkstationen oder Meuchelmorden.

Da die afrikanischen Journalisten wildentschlossen sind, ihren Beruf mit mageren Ressourcen weiterzuführen, sollte ihnen auf diesem Gebiet materiell geholfen werden. Eine solche Hilfe kann als Trainingsprogramme daherkommen oder in der Bereitstellung notwendiger Gerätschaften bestehen, die die Arbeit viel einfacher und angenehmer machen wird. Wenn ich gerade über Hilfe spreche, würde ich gerne meiner tiefen Dankbarkeit gegenüber der Botschaft der Vereinigten Staaten in Gambia für ihre andauernde Unterstützung der Gambischen Presseunion (Gambian Press Union, GPU) Ausdruck verleihen. Neben ihrer ungebrochenen moralischen Unterstützung, hat sie kürzlich eine Druckmaschine für die GPU angeschafft, um private Zeitungen am Laufen zu halten. Jede Person oder Institution, die an einem sichtbaren Journalismus in Afrika interessiert ist sollte diesem wertvollen Beispiel der Botschaft der Vereinigten Staaten nacheifern. Mein Dank richtet sich auch an „Osiwa“, eine amerikanische Nichtregierungsorganisation in Dakar im Senegal und „Free Voice of Holland“, die uns Papier und einiges an wertvoller Ausrüstung für dieses Jahr zur Verfügung gestellt haben.

Schließlich möchte ich der ganzen Belegschaft der Zeitung The Point von ganzem Herzen für ihren unbeirrbaren Beistand während unserer beschwerlichen Zeiten danken. Auch bin ich unseren Lesern, Abonnenten und Inserenten dankbar, die äußerst gewissenhaft durch Dick und Dünn zu uns gestanden haben. Besonderer Dank gilt gleichermaßen besonders der Familie Hydara, die mich nach Deyda Hydaras Tod mit der Verantwortung für die Geschäftsführung der Zeitung betraut hat. Außerdem danke ich der Bruderschaft der Medien in Gambia für ihre Ausdauer und ich dringe in sie, gegen alle Widerstände mit ihrer Arbeit fortzufahren.

Einmal mehr danke ich der Johann-Philipp-Palm-Stiftung, die uns mit diesem großartigen Preis ausgezeichnet hat. Ich danke Ihnen!

Aus dem englischen Original von Annette Barth, Stuttgart