Palm-Stiftung

PALM-STIFTUNG

gemeinnütziger Verein e. V.
Schorndorf
Wallstraße 2
73614 Schorndorf

Telefon: +49 7181 9911847
Telefax: +49 7181 22010
info@palm-stiftung.de

Festvortrag von Freimut Duve, Publizist und ehemaliger Medienbeauftragter der OSZE

Medienverantwortung und die Verteidigung unserer Zukunft

Liebe Anwesende, es ist eine Ehre und eine Freude – auch im Andenken an die verstorbene Frau Dr. Maria Palm – heute zu diesem Festakt zwei Preisträger zu würdigen. Wir blicken auf zwei würdige Preisempfänger und auf zwei sehr unterschiedliche Weltregionen unserer gemeinsamen Geschichte.

Es heißt ja eigentlich Ladies first – aber ohne das südliche Afrika der frühen sechziger Jahre – also ohne Simbabwe und ohne South Africa – wäre der, der hier heute zu Ihnen spricht an der Universität geblieben und nicht der kritische Autor und Politiker geworden.

Das war lange vor Ihrer Geburt, Mr. Itai Mushekwe:

Der damals junge kritische Historiker Freimut Duve glaubte Anfang der sechziger Jahre, als die Hauptstadt Südrhodesiens noch Salisbury hieß, trotz der Vertreibung vieler Shona innerhalb Eures Landes nach Hause schreiben zu können: den Shona ginge es nicht ganz so schlecht wie den vielen Nicht-Weißen in South-Africa, wo ich dann später Winnie Mandela heimlich getroffen habe und ein wenig habe helfen können. Meine Erfahrungen in J’Burg haben mich so erschüttert, dass ich – zurück in Europa an der Universität – mit meinem Buch Südafrika als „Kap ohne Hoffnung“ anprangerte. Damals, als junger Akademiker, habe ich gelernt: Wenn es um Menschen geht, geht es immer auch um Worte. 

Nun eine andere Szene: „Der Negerprozess ist da hinten in der zweiten Halle.“ Das aber ist kein Zitat aus Südafrika von meinem Aufenthalt in den sechziger Jahren; nein, dieses hat ein Beamter des Amtsgerichts Oldenburg vor wenigen Wochen zu einem aus 

Afrika stammenden Akademiker gesagt, der die Klage angestrengt hatte. Ihm war der Zugang zu einem Lokal wegen seiner Hautfarbe verweigert worden. Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2008.

Liebe Seyran Ateş,

wir kennen uns schon seit einigen Jahren. Auch Ihr Heimatland hat mir in meinem politischen Leben immer wieder Sorgen bereitet. Vor einigen Wochen hat die Journalistin Kathrin Kahlweit in der Süddeutschen Zeitung berichtet, wie einige türkische Bürger ihre als persönliches Eigentum nach Deutschland importierten Frauen behandeln und zuweilen misshandeln. Ich habe vor Jahrzehnten für kurze Zeit in verschiedenen islamischen Staaten gelebt. Über derartig brutale Misshandlungen weiblicher Verwandter hatte ich in dieser Deutlichkeit bisher kaum Berichte gelesen. Wir brauchen den wachen Journalismus. Es ist wichtig, dass europäische Journalisten in der islamischen Welt, wo immer sie arbeiten, auch über die mutigen Frauen berichten, die dort für ihre Rechte kämpfen. Das Frauenunrecht in der Welt des Islam darf von der modernen Welt so nicht mehr hingenommen werden, und ich bewundere die oft gefährdeten Journalistinnen, die darauf immer wieder aufmerksam machen. 

Ich habe mich sehr gefreut, dass der neue Berichterstatter am türkischen Verfassungsgericht, ein mutiger Bürger der türkischen Republik, so engagiert für die gefährdeten Werte seines Landes eintritt. Er weiß, wofür er kämpft; und er weiß, wovon er redet. Er ist Kurde. Es ist noch nicht so lange her, da war das Wort Kurde ein untersagtes Wort. Osman Can – er kämpft gegen die Selbst-Einmauerung der türkischen Richterklasse, gegen die lebensnotwendige europäische Modernisierung der Türkei. Auch das habe ich, liebe Seyran Ateş, jüngst in der Zeitung gelesen. Wir dürfen nicht nachlassen, uns für Journalisten in aller Welt einzusetzen. 

Vor wenigen Tagen erreichte mich die Nachricht, dass ein Journalist in Afghanistan, der zum Tode verurteilt worden war, nun zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde: Er hatte im Internet einen Artikel über die Rolle der Frauen im Islam geschrieben. Reporter ohne Grenzen hilft der Familie dieses Journalisten.

Zunächst sei es mir, dem Historiker, der immer wieder in die Exzesse und Brutalitäten 

der Gewalt als Beobachter und gelegentlich als Vermittler gelangt war, erlaubt, auf meine Tätigkeit für die Freiheit der Medien in den Staaten Europas und Nordamerikas hinzuweisen. 

Damit springen wir wieder in unsere nicht ganz so schöne kritische Gegenwart. Warum freie Presse? Wir sind dankbar für die Entwicklung der freien Presse. Sie ist zur vierten Säule geworden, ohne die unsere Demokratie und die Freiheit der Bürger nicht gewährleistet ist. Wir müssen das sehr ernst nehmen. Denn zu dieser Freiheit gehört unverzichtbar der Zwilling der Pressefreiheit: „Verantwortung“. Ich habe mein Medien-Amt der OSCE: „Freedom and Responsibility“ genannt und musste dem US-Senat, der gegen diesen Zusatzbegriff zu „Freedom“ war, erklären, warum ich darauf bestand: Wie nämlich Reichspropagandachef Joseph Goebbels schon in den zwanziger Jahren das Radio für seine Nazipropaganda genutzt hatte. Der weltweit erste, der dieses neue Medium für das Machtstreben der Nazis missbrauchte, um anderen die Freiheit zu rauben. Wir Deutschen wissen aus zwei Diktaturen (die man nicht gleichsetzen darf, auch wenn beides Diktaturen waren), dass zur Freiheit Verantwortung gehört. Der US-Senat hat nach meiner sehr persönlichen Stellungnahme schließlich meinem Titelvorschlag zu dem OSCE–Amt zugestimmt. Es reizt mich natürlich, über unseren Kampf um die Freiheit des Wortes in den 56 Staaten zu berichten. Aber das ist heute nicht meine Aufgabe.

Meine Damen und Herren,

wir hatten und haben viele sehr dramatische, sehr ernste Probleme, was die Zukunft der journalistischen und damit der demokratischen Freiheit in Europa angeht. Unsere wichtigste große Nachbarregion – Russland – hat ein wunderbar elegant gelenktes Medienimperium. Ich nenne es die globalisierte Gaspromitis. Putin hat edelmütig dafür gesorgt, dass die meisten seiner neuen Medienfirmen nach dem Ende des Kommunismus von dem wohlhabenden Konzern Gasprom aufgekauft wurden. Die meisten Journalisten wurden gezwungen, unkritisch zu bleiben. Und trotzdem stieg Russland ganz nach oben in der traurigen Liste ermordeter Journalisten.

Ich will und mag an Ihrem Ehrentag, liebe Seyran Ateş, lieber Itai Mushekwe, nicht mit diesem Thema in die Tiefe gehen. Aber dieses muss ich sagen: Ich kannte die ermordete, tapfere Anna Politkovskaya und war mit ihr befreundet. Heute will ich zum ersten Mal aus einem Artikel ihrer „Novaya Gazeta“ zitieren, den sie mir kurze Zeit vor ihrer Ermordung in Moskau gegeben hatte, denn es läuft jetzt der Prozess in Moskau gegen ihre mutmaßlichen Mörder:

„Journalism in my country is still a highly dangerous profession. We live here as if on top of a volcano. It´s either the security service threatening to throw us in jail, or our president is suddenly unhappy and is contemplating closing down our newspaper, or the crime scene lashes out at us and loads its guns. 

Friends keep repeating „better slow down – times have changed, democracy is over.“

In light of this reality, a person who is prepared to protect you with all the means available to him becomes a central figure. And he asks for only one thing in return – to do your job. Mr. Duve has become this person in my case. The fact that I can continue my work as a journalist in the „hot spot“ called the Russian Federation is to the credit of my loyal friend and constant defender.“

Ich habe Anna Politkovskaya nicht beschützen können. Diese Trauer verlässt mich nicht.

Ich werde nun zunächst in die jüngste, sehr dramatische Geschichte eines europäischen Krieges blicken, von dem ich als Autor und Medien-Politiker gedacht hatte, dass es ihn in Europa niemals wieder geben würde. Die Medien hatten dabei eine zentrale Rolle gespielt. Ich spreche vom Balkan und von der Medienfalle im Kosovokonflikt Ende der neunziger Jahre. Denn wir müssen alle lernen: Krieg – das bedeutet heute Formen der Gewalt, bei denen die Medien eine immer ambivalentere Rolle spielen. 

Der Medieneinsatz in Kriegen

Es geht um die mediale Instrumentalisierung und medial organisierte Entbürgerlichung, also um die Propaganda, die der grausamen Massenvertreibung und der Ermordung vieler Menschen im Kosovo vorausgegangen war. Ich hatte damit als europäischer Beauftragter zu tun – und konnte nichts verhindern.

Der erste Leitartikel zum herauskommenden Kosovokonflikt erschien in der Neuen Züricher Zeitung. Er wechselte direkt vom Berichtsstil zum Kommentar. Titel: „Die Medienfalle im Kosovo-Konflikt“. 

„Die Fernsehaufnahmen, die einen Eindruck von Verwüstung nahe legten, ließen wenig Hoffnung, dass die Berichte über Verbrechen gegen albanische Zivilisten vielleicht letztendlich doch unbegründet waren.“ Ende des Zitats.

Damit ging in Belgrad die serbische Mediendiktatur los: Es suchten sofort serbische Beamten die Studios von B92, des einzigen unabhängigen Radiosenders, auf und notierten die Namen und Adressen aller beschäftigten Mitarbeiter und Journalisten. Sie beschlagnahmten die Ausrüstung des Senders und verhafteten seinen Gründer und Leiter, Veran Matic. Der im Herbst 1998 gegen unabhängige Medien erklärte Krieg wurde jetzt zum wirklichen Krieg – Medienkrieg.

Das Radio B92 sendete dann Regierungsnachrichten in seiner alten Frequenz, aber ohne seine alte Mannschaft. Es gab in Jugoslawien keine unabhängigen Medien mehr und ausländische Reporter wurden genau kontrolliert, wozu sich Staaten, die Krieg führen, berechtigt fühlen. Belgrad rechtfertigte seine Handlungsweise mit dem Verweis auf die Geschichte des Journalismus im Krieg: „Die Geschichte des Journalismus sagt uns, dass die offizielle militärische Zensur journalistischer Berichte zum ersten Mal von Großbritannien im Jahre 1854 in dem Krimkrieg eingeführt wurde. In jener Zeit erlitten die Briten schwere Niederlagen durch russische Kräfte.“ In der offiziellen Regierungserklärung vom 13. April wurde weiter das amerikanische Beispiel aus dem Krieg im Irak angeführt, wo die Arbeit der Korrespondenten auch Gegenstand strenger Restriktionen war. Auf diese Art und Weise rechtfertigte Belgrad Maßnahmen, die es lange vor dem Krieg eingeführt hatte. Die dramatische Nutzung der Medien für brutale Gewalt hatte Europa wieder erreicht.

Ich erinnere mich genau an die Bombardierung Hamburgs im Zweiten Weltkrieg, aber da gab es kein Fernsehen, und meine Mutter hatte kein Radio. Man konnte nicht so einfach mit dem Volksempfänger, dem offiziellen Radio der damaligen Zeit, BBC empfangen; und doch blieb er die einzige zusätzliche Informationsquelle für die kritisch gesinnten Deutschen. Über Verbrechen „unsererseits“ erfuhren wir aus den Gerüchten. Die Tagebücher von Viktor Klemperer zeigen, wie viel wir wissen konnten, selbst in dieser stärksten Isolierung ohne Medien.

Hitlers Propagandachef, Goebbels, nutzte das moderne Radio auch für die neuen inneren Kriegsformen der Heimat: Ein deutscher Diplomat war in Paris erschossen worden, und ein paar Tage später brannten die Synagogen in Deutschland. Goebbels gelang es, die Schuld einer Person auf eine ganze Gruppe zu schieben, und zwar auf Hunderte und Tausende von Juden (der Täter hatte einen jüdischen Namen). Die Tat eines Individuums wurde per Radio und Massenzeitungen zum kollektiven Verbrechen vieler Bürger erklärt. Sie waren ja schon seit dem Jahre 1933 systematisch gedemütigt und aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen worden. Das Telefon diente zur Weisung der lokalen Parteibeamten und das Radio zur Sicherung einer schnellen und kompletten Verbreitung von Informationen. 

Aber nicht nur im Krieg geistert das Verratssyndrom – wer Informationen verbreitet, die nicht durch die Regierung formuliert wurden, ist ein Verräter „seines Landes“. Deswegen ist jeder, der abweichende Informationen veröffentlicht, verdächtig, für „die andere Seite“ zu arbeiten. In Kriegszeiten ist dieses für autoritäre Personen und Diktatoren einfacher als für Demokraten. Letztere bereichern sich durch Debatten, sie prüfen widersprüchliche Informationen, und sie brauchen Menschen, die die Wahrheit sagen.

Ich ließ mir Zeitungsartikel übersetzen und  konnte es nicht glauben. Da wurde behauptet, es lebten auf dem Balkan „ verschiedene Völker oder Rassen, die einander nicht leiden konnten und nun einander hassen.“ Das hatten dann westliche Medien zu meinem Entsetzten oft einfach so übernommen. Weil wenig über die Wirklichkeit des alten Jugoslawien bekannt war, tauchten die Spuren früherer Konflikte gewaltsam wieder auf. Auch wenn es dort immer noch ungefähr 15 Prozent katholische bosnische Kroaten gab, die in der eilig zusammen gebastelten bosnischen Armee dienten und nach den damaligen Zahlen ungefähr ein Prozent dieser Armee aus orthodoxen bosnischen Serben bestand, nannten alle westlichen Journalisten die Armee „muslimische Armee“.

In den 1990er Jahren wurde auch ein neues–altes Markenzeichen in den Medienkrieg eingeführt: „Die andere Seite“. Und damit die Behauptung von „beiden Seiten“, dass die jeweils „andere Seite“ mit den westlichen Nachrichtenagenturen zusammenarbeite. Belgrads und Sarajevos Freunde beanspruchten die Dienste einer Agentur in den USA. 

Das war eine Begründung für alle Arten von Vergehen und von Verbrechen an Dorfgrenzen. Wenn jemand den Mörder der zivilen Dorfbewohner erwähnt hätte, hätte man sofort angedeutet, dass eine hoch bezahlte private Presseagentur diese Behauptung verbreitet hätte. Jahrelang wurden Zivilisten in dem eingekreisten Sarajevo befeuert und aus dem Hinterhalt des umgebenden Gebirges beschossen. Manche Straßen waren zu gefährlich für den Verkehr, manche Bezirke unter Beschuss von Scharfschützen und die Waffen (?) wurden völlig zerstört. Aber als eine mit Vorsatz gelegte Bombe auf dem Marktplatz explodierte, sagten manche Journalisten im Westen, dass sie von den Bosniern selbst gelegt worden war, um die Öffentlichkeit gegen die Serben zu mobilisieren. Die Schießerei sollte von all den Menschen in ihren Häusern und auf den Straßen in Sarajevo gesehen werden können. Die Nachricht der Agentur über eine Bombe, die angeblich durch die Bosnier selbst detoniert wurde, führte dazu, dass die Erinnerung an die Mörder von mehr als 14.000 Bürgern der Stadt verblasste.  

Der Kosovo-Konflikt wurde von Anfang an von Fehlern der Medien begleitet. Im Jahre 1989, während einer Massendemonstration bei Kosovo Polje, erklärte Milošević phrasenhaft serbische Bürger albanischer Herkunft zu serbischen Feinden, denn die Serben „verloren den Krieg gegen die Türken vor 600 Jahren“. Diese feindselige Erklärung, der dann zahlreiche administrative Maßnahmen folgten, die den ethnischen Albanern ihre Rechte entzogen, blieb beinahe unkommentiert. Eine Person, die für ihre Staatsbürger die Verantwortung trägt, erklärte die enorme Mehrheit dieser Bürger im Kosovo zu historischen Feinden. Stellen Sie sich einen deutschen Politiker vor, der plötzlich den Westfälischen Frieden für null und nichtig erklärt und die Katholiken oder Protestanten zu Nicht-Bürgern, weil sie diese oder jene skandalöse Tat vor 300 Jahren begangen haben. Ich erwähne dies hier, weil es in den Medien Platz fand und oft unkommentiert übernommen wurde.

Am 28. Juni 1989 rief Slobodan Milošević eine Million Serben zu einer Massenversammlung bei Kosovo Polje zusammen. An diesem Tag machte sich der Parteisekretär Milošević über seine Medien selbst zum ethnischen Nationalsozialisten. Er erklärte, dass die albanischen Bürger, für die er politische Verantwortung übernehme, schon immer Feinde waren. Und er sagte, dass Kosovo ein heiliger Ort sei, besiedelt mit Volksfeinden. Das war eine Kriegserklärung gegen jugoslawische Bürger albanischer Herkunft und moslemischen Bekenntnisses. 

Nicht mal ein Piepsen war seitens Belgrads Gegnern in Slowenien und Kroatien zu hören; und nicht einmal in Sarajevo gab es Proteste wegen der absurden Vorgehensweise des zu einem falschen Nationalmythos erklärten Marxisten, der die Bevölkerung in solche, die dazugehören und jene, die zu beseitigen seien, geteilt hatte. Jugoslawische Intellektuelle kritisierten nicht, dass den ethnischen Albanern politisch die Bürgerschaft entzogen wurde. 

Anders als die Bürger Kroatiens oder Sloweniens blieben die Albaner still. Sie griffen nicht zu den Waffen, als ihre Schulen geschlossen und ihre Lehrer entlassen wurden. Bis zum Jahre 1998 hofften sie, dass sie imstande sein würden, durch Verhandlungen den ursprünglichen Status zurück zu erlangen, dessen sie sich unter Tito erfreuten. Erst dann begannen manche, sich selbst doch noch zu bewaffnen.

Wir Deutschen haben viele Erinnerungen an die Bemühungen um die Einführung des Friedens nach 1945, nach der Diktatur, nach Auschwitz, nach den Verbrechen, nach den Bomben und nach den Deportationen. Möglicherweise war das wichtigste Projekt der deutschen Nachkriegszeit (unter der Militärregierung der Alliierten) für den künftigen demokratischen Frieden eine schnelle Wiederbelebung des kritischen Journalismus. Gewiss war auch wichtig die Rückkehr von Journalisten aus dem Krieg, aus der Gefangenschaft und aus anderen Ländern. Jetzt erst konnten sie über die Wahrheit des Krieges schreiben, die sie erfahren hatten – sie hatten ja keine Einzelheiten beschreiben können, nicht einmal in den Postkarten an ihre Familien. Jetzt ergriffen sie Partei für eine Diskussionskultur und eine demilitarisierte öffentliche Debatte. 

Dies traf besonders auf Schriftsteller zu. Wir Deutschen hatten eine Geschichte über die Nachkriegszeit zu erzählen. Vielleicht wird es sogar in dieser Medienära interessant sein, im 21. Jahrhundert und jetzt in den post-jugoslawischen Regionen. Vielleicht kann es den kriegsgeschundenen Ländern und Familien ein wenig Hoffnung geben: Ja, wir haben eine Geschichte wie die deutschen Autoren nach dem Zweiten Weltkrieg. Nach der äußeren und inneren Katastrophe versuchten die mit sich und ihrem Land zurechtzukommen. Im Jahre 1947 kamen Autoren aus den vom Reich übrig gebliebenen Zonen zusammen – nicht jedoch, um politische Pläne und Strategien zu diskutieren. Ihr Land lag in Trümmern. Am Anfang der Schreckensherrschaft wurden Bücher verbrannt und Bilder verboten. Die Ziele waren freidenkerische Autoren, Künstler und Bildhauer. Jetzt war das Land verbrannt. Die „Gruppe 47“, die diese Autoren gestalteten, wurde ein literarisches Wahrzeichen im wahrsten Sinne des Wortes und Symbol der Wahrheit beim Wiedererlangen der deutschen Selbstachtung. Auch früher wurde die Literatur bereits wieder in atemberaubendem Tempo gedruckt und in schmalen Broschüren auf rauem Papier veröffentlicht. Freie Rede quoll über.

Dreißig Jahre später ersann Günter Grass das Szenario eines ähnlichen Treffens im Jahre 1648 in Telgte nach dem Dreißigjährigen Krieg. Er dokumentierte einen aufregenden Nachweis dessen, wie viele Autoren, Verleger und Herausgeber in Prag und in Hamburg auch in dem schrecklichen Krieg gearbeitet und veröffentlicht haben, in einer gemeinsamen Sprache, inmitten des kriegsgeschundenen Landes.

Seit dem Jahr 1991 war der Zagreber Verleger Nenad Popović für das zerstörte Jugoslawien der 1990er Jahre, was Hans Werner Richter für unser Land nach dem Jahr 1947 wurde – jemand, der eine Versammlung einberuft, als Mahner und Verleger. Er gründete bereits während des Terrorkrieges eine literarische und politische „Gruppe 47“ für dieses Land. Und dann, während die Austreibung wütete und die Bomben fielen, war er wieder engagiert an der Gestaltung der Zukunft beteiligt. Er hat sich bemüht, mit vielen – auch verfolgten und geflüchteten – Intellektuellen zu kommunizieren, um die Wahrheit zu etablieren.

Aber einige dieser Autoren arbeiteten auch direkt mit dem völkischen Wahnsinn, der der Kern des Konflikts war, und haben ihn unterstützt, als sie darüber geschrieben haben. Viele andere blieben still, weil sie wussten, was die ethnische Vorherrschaft, gesucht durch die politische Elite, für den breiten kulturellen Raum mit einer gemeinsamen Sprache bedeutet. Viele haben mir erzählt, dass sie gelernt hatten, was die Nazis damit gemacht hatten. Seltener sind wir uns der kulturellen Macht der Zivilisiertheit bewusst, die die Bürger, Journalisten und Autoren systematisch und mutig in den post-jugoslawischen Staaten kultivieren.

Was bedeutet demokratische Zivilisiertheit? Wir alle brauchen die Diskussion und Debatte über sehr unterschiedliche Anschauungen. Wir brauchen auch eine zivile Opposition, welche die Demokratie stimuliert. Jeder, der seine Opponenten „Feinde“ nennt, der aus kritischen Journalisten und Autoren „Verräter“ macht, zerstört die Demokratie.

Es wäre eine nette Überraschung gewesen, wenn damals Peter Handke, der österreichische Schriftsteller, mindestens einmal, vielleicht nur für einen Tag, verstanden hätte, was die Einladung des damals jungen Autors für die „Gruppe 47“ tatsächlich bedeutete. Die Autoren, die aus dem Krieg zurückkehrten und Vertreibung erlebt hatten, wollten für immer der radikal falschen ethnischen Klassifizierung, die zum Holocaust und zur Zerstörung ihres eigenen Landes geführt hatte, den Rücken kehren. Peter Handke hätte als einer der ersten erkennen müssen, dass diese geradezu verbrecherisch ethnisch-rassistische Zuordnung (Milošević und seine Frau bestimmten, wer als Serbe eingestuft wird) auch für Journalisten und Autoren, die sich selber in einer gemeinsamen Sprache ausdrücken, ihre unerbittliche und schädliche Anwendung findet. 

Viele albanische Autoren und Journalisten aus dem Kosovo, die nach Makedonien geflüchtet waren, und serbische Journalisten, die dann gezwungen wurden, im Ausland zu leben, schauten voller Entsetzen zu, wie ihre ehemaligen Freunde dann Nationalhelden geworden waren, während sie – Kritiker von Milošević – zu Feinden des Staates erklärt wurden. Vielleicht hätten sie nicht so viel über den Krieg sprechen sollen oder über den gemeinsamen Schock und die getragenen Wunden, sondern eher über die Geschichten, die sie zu erzählen haben – in ihrer gemeinsamen Sprache. Geschriebene Geschichten kennen keine Grenzen, egal ob alte oder neue. Die Literatur erzählt darüber, was uns teilt, genauso wie sie davon erzählt, was wir gemeinsam haben. 

Das Nachdenken über die Wahrheit und die Suche nach der Wirklichkeit werden Schlüsselelemente des zivilen Friedens sein. Jetzt, bald ein Jahrzehnt nach diesem Medien-Gewaltkrieg, dessen Wunden noch nicht geheilt sind, sollten sich die Bürger rasch dieser gefährlichen Medienfalle entziehen. Und wir Demokraten müssen herausfinden, wie wir helfen können, diese Falle beim nächsten Konflikt zu vermeiden.

Kehren wir zurück in unser nicht ganz so leichtes Jahrhundert. Wenden wir den Blick über den Atlantik. Vor etwa drei Wochen lese ich in meiner Süddeutschen Zeitung einen alarmierenden Artikel über ein ökonomisches Drama – nicht im Wirtschaftsteil, nicht im politischen Teil, sondern im Feuilleton: „Das Haus, in dem ich lebe“. 

Der große amerikanische Autor Stewart 0’Nan war früher Arbeiter. Er schreibt: „...wenn ich mich unter meinen Hauhaltsgeräten umschaue, sehe ich fast keine, die in den USA hergestellt sind. Meine Kaffeemaschine stammt aus China, meine Stereoanlage Sony wurde in Malaysia produziert, mein koreanisches Fernsehgerät in Mexiko. In all diesen Fällen war es billiger, sie in Ländern herzustellen, in denen die Fabriken billiger sind. Ich wundere mich aber. Das einzige mehr oder weniger anspruchsvolle Produkt aus amerikanischer Fertigung, das ich in den vergangenen Jahrzehnten gekauft habe, ist das Haus, in dem ich lebe... Niemand ist überrascht, dass die drei großen Autokonzerne vor dem Ruin stehen. Bei der Regierung darum betteln, ihnen die Verluste tragen zu helfen... und auch das enorme Wachstum der Informationstechnik hat sich erschöpft.“   

Die düsterste Zukunftssicht, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Der Artikel geht noch weiter. Wir sehen: Ein amerikanischer Autor macht uns in wenigen Sätzen auf eine Wirklichkeit aufmerksam, die viele Journalisten und viele Ökonomen als Spezialisten der Weltwirtschaft bisher so nicht wahrgenommen haben. Jedenfalls uns nicht übermittelt haben, weil deren Kollegen der Medienseiten bisher meinten, es sei nun wirklich wichtig, uns zu zeigen, wer bald der neue Tatort-Kommissar sein wird. 

Darum habe Ich Sie auf die die melancholische Wachsamkeit eines amerikanischen Autors aufmerksam gemacht. Wir alle brauchen diese neue Wachsamkeit. Wir setzen uns ein für den Schutz der Freiheit der Bürger. Und wir erwarten von unseren Journalisten die Verantwortung und die Wachsamkeit, die ihnen diese Freiheit schenkt.

Darum noch einmal mein einfacher Satz: Zur Freiheit gehört die Verantwortung. Alle Menschen, die in unserer freiheitlichen Bundesrepublik leben, sind Bürgerinnen und Bürger, auch jene, die nicht oder noch nicht über unsere Staatsbürgerschaft verfügen. Bürgerinnen und Bürger auf dem Boden der BRD dürfen sich nicht außerhalb unserer

bürgerlichen Grundrechte benehmen und bewegen. Es gehört zu den Aufgaben der Journalisten, dafür ein wachsames Auge zu haben. Es geht nicht an, dass deutsche Publizisten meinen, akzeptieren zu dürfen, dass deutsche Bürger muslimischen Glaubens sich ihre Ehefrauen aus Anatolien importieren und ohne Strafverfolgung ihren Ehepartnerinnen körperliches Leid zufügen. Und ich bin dankbar, dass die Süddeutsche Zeitung dazu diesen wichtigen Bericht gebracht hat vor einigen Wochen – Vorgänge in München – nicht im Nahen Osten!

Die Wachsamkeit für die Bürgerrechte und für die bürgerliche Solidarität hat dramatisch nachgelassen. Die mediale Globalisierung hat zu einer lokalen moralischen Verarmung geführt. Fahre ich in Hamburg in der U-Bahn, sitzen dort viele – meistens junge – sehr nett aussehende Menschen mit einem Kabel in den Ohren. Ich könnte sie nicht ansprechen wie in meiner Jugend, als ich in der Bahn noch klönte. Sie hören irgendetwas und sie weichen jedem Gespräch aus.

Wir sollten wissen, dass wir alle Bürger sind und unseren Beitrag zur Verteidigung unserer Zukunft – und die unserer Kinder – leisten müssen. Wir Bürger in Europa sind alle mehr und mehr sehr unterschiedlicher Herkünfte. Ich freue mich sehr, dass wir jetzt einen baden-württembergischen Spitzenpolitiker haben, dessen Eltern aus einem südosteuropäischen Land stammen. Aber wir haben alle die gleichen Bürgerrechte und Bürgerpflichten – wo immer wir herkommen und wo immer wir hingehen. 

Ich komme zum Schluss. Über Medien und Krieg habe ich ausführlich gesprochen. Das hatte ich als kleines Kind schon erlebt, heimlich bei einer Nachbarin, die versteckt und verboten BBC hörte und dann schlimm verhört wurde, weil eine andere Nachbarin sie angezeigt hatte. Und draußen auf der Straße auf der Litfasssäule sah ich: „Pssst, Feind hört mit“ – eines der ersten Plakate.

Die große Kraft der Demokratien – sie braucht auch die Balance zwischen Freiheit und Verantwortung der professionellen Journalisten. Es waren britische Journalisten, die 1901 in London Nachrichten gegen die eigene Regierung veröffentlichten, welche in Südafrika für die burischen Gefangenen Konzentrationslager eingerichtet hatte. Schon damals war dieses grausame Wort entstanden – schon damals haben britische Journalisten kritisiert.

Es waren französische Journalisten – allen voran Servan Schreiber – die im Algerienkrieg in Paris berichteten, dass die eigenen Soldaten in Nordafrika folterten; und schließlich waren es amerikanische Journalisten, die im Vietnamkrieg auch die Grausamkeiten amerikanischer Einsatztruppen deutlich machten. 

Ich habe deutlich gemacht: Demokratien sind im Krieg in Gefahr, ihr wichtigstes Gut – die kritische Distanz und die pluralistische Debatte – eingeschmolzen zu bekommen. Hoffen wir, dass in der Allianz gegen die weltweiten Formen der Gewalt die demokratischen Werte nicht eingeschmolzen werden. Der freie, kritische Journalismus muss jeden Waffeneinsatz begleiten, auch den, den die Handelnden als gerechten Krieg verstehen. Das ist die für mich wichtigste Lektion des Krieges, den wir als Kinder erlebt haben: In der Demokratie ist die offene Diskussion der zentrale Wert, auf den wir Bürger auch dann stolz sind, wenn wir nicht immer jede Meinung unserer Mitbürger teilen. Die Nähe der menschenrechtlichen und journalistischen Beobachter und die Distanz der gelebten und geäußerten Meinung – das sind die zwei Pole, an denen unsere Preisträger mit großem Mut und Fleiß gearbeitet haben und weiter arbeiten werden. Das sind und bleiben die zentralen Aufgaben für uns alle und unsere freiheitliche Zukunft.