Palm-Stiftung

PALM-STIFTUNG

gemeinnütziger Verein e. V.
Schorndorf
Wallstraße 2
73614 Schorndorf

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Dankesworte von Mahboubeh Abbasgholizadeh, Frauenrechtlerin und Publizistin aus dem Iran

Ich begrüße alle Anwesenden im Saal,
die Mitglieder des Vorstands, Herrn Kübler, Herrn Dr. König,
sehr geehrte Mitglieder des Stiftungsrates und des Kuratoriums,
für die Stadt Schorndorf Herrn Oberbürgermeister Klopfer,
für die Palm-Stiftung Herrn Dr. Palm und Frau Annette Barth,
sowie meinen Kollegen Pedro Matías,

ich grüße Sie im Namen aller politischen Gefangenen im Iran, im Namen aller meiner Freundinnen, die in all den Jahren Schulter an Schulter mit mir in der Frauenbewegung für mehr Freiheit gekämpft haben – ganz besonders in Erinnerung an zwei unermüdliche Frauen, Nasrin Sotudeh [1] und Bahareh Hedayat [2], die mit mir um Meinungsfreiheit und Demokratie gekämpft haben.

Als sich Seyran mit mir in Kuala Lumpur in Verbindung gesetzt hat, war ich eine müde Frau, die der Unterdrückung im Iran, in meinem Heimatland, entflohen war. Hinter mir lag ein Jahr unermüdlicher Protestbewegungen von Männern und Frauen auf der Straße, lagen 30 Jahre Frauenbewegung um mehr Freiheit, Demokratie und Gleichberechtigung im Iran, hunderte von Freiheitskämpfern in den Gefängnissen, viele, die dabei ihr Leben ließen. Mit mir trug ich Erinnerungen an 20 Jahre Frauenrechtsbewegung mit meinen Freundinnen im Iran, Erinnerungen an meine Familie, Erinnerungen an all die Lieben und Angehörigen, die ich an nur einem einzigen Tag verabschieden musste. Das hatte mich müde gemacht.

Dann rief Seyran mich an, um mir mitzuteilen, dass eine kleine Gruppe von Menschen weit, weit weg von meinem Land die Stimme der iranischen Bevölkerung gehört habe – Menschen, die den Kampf um Meinungsfreiheit und Pressefreiheit auch in historischen Zusammenhängen zu denken vermögen. Diese Menschen haben unsere Stimmen gehört und Mitgefühl mit uns gezeigt. Sie wollen mich stellvertretend für so viele andere im Iran mit einer Auszeichnung würdigen. Ihre Aufmerksamkeit für mich, die ich eine müde Frau war, eine müde Aktivistin, die sich 30 Jahre für ihr Land verkämpft hatte, die sich unvermittelt wiederfand in Kuala Lumpur, in den Straßen und Gassen dieser fremden Stadt, Ihre Aufmerksamkeit hat mir neue Kraft gegeben, meine Vision zu entwickeln.

Ich bedanke mich bei allen Deutschen, bei Ihnen, ganz besonders bei der Stadt Schorndorf und der Palm-Stiftung. Sie tragen dazu bei, dass unsere Vision für den Iran lebendig bleibt. Unser Volk, das seit mehr als 100 Jahren nach der Demokratie strebt, braucht für seine Zukunft eine solche Vision. Ich danke Ihnen, dass Sie uns dabei helfen, sie zu bewahren. Ich danke Ihnen.

Aus dem persischen Original: Dr. Sosan Jafari, Berlin

Anmerkungen:

  1. Die Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotudeh vertrat u.a. Shirin Ebadi. 2010 wurde sie zu elf Jahren Haft verurteilt. Sie trat seither mehrmals in Hungerstreik, um gegen die Unterdrückung rechtsstaatlicher Prinzipien im Iran zu protestieren und auf die Bedingungen im Evin-Gefängnis aufmerksam zu machen.
  2. Die Studentin Bahareh Hedayat ist Vorsitzende einer studentischen Gruppe, die sich für politische Reformen und gegen Menschenrechtsverletzungen einsetzt. Sie ist seit 2009 ebenfalls in Evin inhaftiert.

Dankesworte von Pedro Matías Arrazola, Journalist aus Mexiko

Sehr geehrte Mitglieder des Vorstands der Palm-Stiftung,
Sehr geehrte Preisträgerin Frau Abbasgholizadeh, 
Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Gäste,

Heute darf ich einen unvergesslichen Tag erleben; und ich hoffe, es wird auch ein solcher für meinen Sohn Sebastián sein. Ihm werde ich keine materiellen Werte vererben können, aber doch die Lehre, dass die größte Erfüllung darin liegt, unsere Nächsten, vor allem die Vergessenen, zu unterstützen. Das dürfen wir heute mit diesem Preis erleben.

Vielen Dank für diese unverdiente Auszeichnung.

Ich möchte Gott dafür danken, dass er mich heute seine Gnade und Güte erleben lässt. Leider kann ich viele Journalisten-Kollegen aufzählen, die dieses Glück nicht hatten, die ums Leben gekommen sind, ohne dass sie Gerechtigkeit erfahren hätten.

Ich bin keine Ausnahme des Spruches „der Prophet gilt nichts im eigenen Land“. Für mich ist dies jedoch nicht von Bedeutung, weil ich meine Arbeit nicht ausführe, um mich bei den Mächtigen beliebt zu machen, Privilegien zu erlangen oder um Profite zu erzielen. In vielen Orten Mexikos ist die journalistische Arbeit leider korrumpiert und instrumentalisiert worden. Sie dient der Politik und Einzelinteressen oder ist zu einem rein profitorientierten Geschäft geworden. Selbstverständlich hat mein Beruf für mich Konsequenzen gehabt, so etwa Bedrohungen und Belästigung durch Staatsanwälte bis hin zu einer Entführung. Aber ich habe das Glück, noch am Leben zu sein.

In der Zeit nach meiner Entführung hat Deutschland eine große Rolle für mein Überleben gespielt; und ich danke an dieser Stelle der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte, dass sie mich unterstützt hat. In dieser Phase der Wiedergeburt war Deutschland für mich ein Lichtblick und ein Zeichen dafür, dass ich auf dem richtigen Weg bin, und dafür, dass viele engagierte Menschen einen begleiten und sich für ihren Nächsten einsetzen. Die Seele, der Kern der Palm-Stiftung, liegt in diesem Grundgedanken. Der Großmut und die Menschengüte ihrer Gründer Elsa Maria und Johann-Philipp Palm weisen über deren eigene Existenz hinaus. Sie rufen als Vorbilder die Motivation zum sozialen Engagement in uns hervor, egal welchen Beruf wir ausüben.

Ich möchte aus diesem Grund den Rahmen nutzen, den mir die Palm-Stiftung gegenüber der internationalen Öffentlichkeit heute gewährt, um die außerordentlich problematischen Verhältnisse anzuklagen, die in Mexiko herrschen. Das gilt vor allem für die journalistische Branche: Mindestens 66 Morde, 12 Fälle von Verschwindenlassen, 18 Attentate auf Medieneinrichtungen und 629 Dossiers über Gewalt an Journalisten sind von der Nationalen Menschenrechtskommission in den letzten zehn Jahren dokumentiert worden.

Nach den Statistiken der Nationalen Menschenrechtskommission, sind die für die Gewalttaten verantwortlichen Stellen: die Nationale Staatsanwaltschaft mit 81 Fällen, die Sicherheitspolizei mit 38 Fällen, das Militär mit 29 Fällen, der Gerichtshof des Bundesstaates Oaxaca mit 13 Fällen und die Staatanwaltschaft des Bundesstaates Veracruz mit 12 Fällen. Es wiegt schwer, dass von den erwähnten 629 Fällen, welche die Nationale Menschenrechtskommission dokumentiert hat, 275 aus der sogenannten Übergangszeit zur Demokratie stammen, die von Präsident Fox eingeleitet wurde. 308 Fälle wurden in den ersten drei Regierungsjahren des heutigen Präsidenten Calderón registriert. Dies zeigt, dass die Anzeigen ständig zunehmen.

Gewalt gegen Journalisten wird weltweit als ein Angriff auf den Staat, auf die Demokratie bewertet. Mexiko entbehrt jedoch einer Gesetzgebung, die die Stellen zur Verantwortung ziehen könnte, die die Empfehlungen der Nationalen Menschenrechtskommission nicht befolgen.

Zusammenfassend ist zu betonen, dass der mexikanische Staat noch einige Aufgaben zu bewältigen hat, vor allem, was den Schutz der Rechte von Journalisten angeht, die immer wieder schweren Bedrohungen, Entführungen, Folter und Mord ausgesetzt sind. Es ist außerordentlich riskant, in Mexiko ernsthaften Journalismus zu betreiben. Wir leben in einem Land, das sich darauf beschränkt, Morde und Gewalttaten gegen Journalisten zu dokumentieren oder höchstens verbal zu verurteilen, anstatt diese nachhaltig zu untersuchen und aufzuklären. Wir sind ja nur ein Teil der Statistik.

Was den Bundesstaat Oaxaca anbelangt, so haben wir dort 80 Jahre lang unter der Herrschaft der gleichen Partei gelitten. Dieser Zustand führte im Jahr 2006 zu einer großen sozialen Bewegung. Während dieser Erhebung wurden rund 200 Morde begangen, mehr als 600 Festnahmen und 380 Fälle von Folterungen sind dokumentiert.

Die Perspektive von Mexiko ist wenig ermutigend. Wenn sich diese Angriffe auf Medienschaffende fortsetzen, wird die Meinungsfreiheit immer weiter eingeschränkt. In manchen Orten hat das organisierte Verbrechen bereits die vollständige Kontrolle über das politische, wirtschaftliche und soziale Leben übernommen. 

Der Johann-Philipp-Palm-Preis für Meinungs- und Pressefreiheit 2010 ermutigt mich aber, meine Aufgabe weiterzuführen. Ich habe das Ziel, einen menschlichen Journalismus zu betreiben, der den Vergessenen eine Stimme gibt, der sie sichtbar macht für die korrumpierten Politiker, die die Menschen nur als Mittel zum Zweck ihrer Wahl benutzen und sie vergessen, sobald sie an der Macht sind. 

Aus dem spanischen Original: Teresa Ávila, München