Palm-Stiftung

PALM-STIFTUNG
gemeinnütziger Verein e.V. Schorndorf

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Dankesworte von Sihem Bensedrine, Journalistin, Verlegerin und Politikerin aus Tunesien

Sehr geehrte Damen und Herren, Mitglieder der Stiftung, Mitglieder der Jury,
liebe Freunde,

zuerst möchte ich meine Freude darüber ausdrücken, dass ich unter Ihnen sein darf und mich vorläufig frei bewegen kann. Einige meiner Landsleute genießen diese Freiheit nicht, sich so zu bewegen wie ich. 

Ich denke an Sadri Khiari, Gründungsmitglied des CNLT, der das Land nicht verlassen darf, um sein Rigorosum in Paris abzulegen. 

Ich denke an den Richter Mokhtar Yahyaoui, der nicht nach Genf reisen darf, um der Einladung des Sonderberichterstatters der Vereinten Nationen über die Unabhängigkeit der Justiz zu folgen, da ihm verboten ist, das Territorium zu verlassen. 

Ich denke an den jungen Cyberdissident Zouhayer Yahyaoui, der eine zweijährige Gefängnisstrafe verbüßt,  und dies unter unmenschlichen Bedingungen, weil er es gewagt hat, das Regime von Ben Ali in seinem Forum „Tunezine“ im Internet zu kritisieren. 

Ich denke an die Tausenden  von Tunesiern, die auf Grund ihrer Meinungsäußerungen, ihrer Freiheit beraubt, in den tunesischen Kerkern sitzen. Ich denke an alle meine Mitbürger, die gleichsam in dem großen Gefängnis mit unsichtbaren Gitterstäben sitzen, zu dem Tunesien geworden ist. In dieser geschlossenen Gesellschaft erweist sich die Herausforderung der Kommunikation als der Schlüssel zur Demokratisierung der Gesellschaft. Sich für die Gesellschaft zu behaupten, sich in den Medien zu zeigen, ist ein wesentlicher Faktor ihrer Befreiung. 

Für die tunesischen Behörden  besteht das größte Verbrechen darin, Verbrechen aufzuklären  und nicht darin, sie zu begehen. Der Verstoß gegen Auflagen in der Presse und in der Meinungsäußerung ist für sie die größte Straftat, die sie bekämpfen.

Liebe Freunde, dieser Kampf, den Johann Philipp Palm vor zwei Jahrhunderten begonnen hat und den er mit dem Leben bezahlt hat, ist ein immer währender Kampf. Jede Zeit, jede Zivilisation hat ihre Inquisitionsgerichte, ihre Hexenverfolgungen, lässt Interdikte verhängen wider das freie Denken und das freie Sprechen. Denn diese Freiheit beunruhigt die konservativen Kräfte, weil sie die Keime des Fortschritts der Menschheit beinhaltet.  

Heute wird die Meinungsfreiheit in den südlichen Ländern weiterhin bedroht, in denen die Menschen sich nach einer Emanzipation der Bürger sehnen, und das ist nicht neu. Neu ist, dass sie auch im Abendland bedroht ist, besonders in den Vereinigten Staaten, wo man sich auf den Patriotismus beruft, um sie zu zügeln. Die Katastrophe vom 11. September und ihre Folgen werden weiterhin besorgniserregende Konsequenzen für die fundamentalen Freiheiten auf der Welt haben. Der Weg, den die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten gewählt haben, um den Terrorismus zu verringern, führt zu perversen  und verheerenden  Nebeneffekten und gefährden, dem Beispiel der Terrorakte folgend, die Grundlage der gemeinsamen Sicherheit, nämlich die Gerechtigkeit und die Rechtssicherheit. Die Aufforderung zu Kreuzzügen und heiligen Kriegen bedrohen unseren Planeten; und diejenigen, die es wagen, gegen den Strom zu schwimmen, werden verfolgt und als Verräter behandelt. Deshalb ist der Kampf von Johann Philipp Palm mehr als je aktuell. Sein Kampf bedeutet, dass man akzeptiert, in der Minderheit zu sein und gegen den Strom zu kämpfen, um seine Ideen zu vertreten. Er bedeutet aber auch, dass man akzeptiert, den Preis dafür zu bezahlen -  gleich, wie hoch er ist. 

Liebe Freunde, dieser Preis, mit dem Sie mich heute auszeichnen, ehrt mich sehr und macht mich glücklich. Ich bekomme ihn als eine Geste der Anerkennung für den Kampf aller Tunesier für Gedanken- und Meinungsfreiheit; und ich verspreche Ihnen, dieses Zeichen an meine Mitbürger weiterzugeben. Ich verspreche Ihnen auch, mein ganzes Leben lang dem Engagement für die Freiheit treu zu bleiben. 

Übersetzung aus dem französischen Original: Francette Klinger, Schorndorf