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Bushra Al-Maktari

Aktivistin und Buchautorin aus dem Jemen

Offener Brief von Bushra Al-Maktari zum Todestag des Buchhändlers Palm am 26.8.2020

Zunächst möchte ich mich bei der Johann-Philipp-Palm-Stiftung dafür bedanken, dass sie mir zusammen mit dem chinesischen Autor Gui Minhai ihren diesjährigen Preis verleiht. Palm war ein deutscher Verleger, der für Widerstand gegen Unterdrückung stand und dessen Lebensweg dramatisch war, was ihn zu einem Symbol von Presse- und Meinungsfreiheit machte. Dieser Preis motiviert mich, weiterzuschreiben und mich weiter für Menschlichkeit einzusetzen.

Mein Name ist Bushra al-Maktari, ich bin 41 Jahre alt und verheiratet. Im Jahr 2000 schloss ich mein Studium der Geschichte als Jahrgangsbeste mit Auszeichnung ab, aber da ich als links galt, verweigerte mir die Universität, die dem Regime des damaligen Präsidenten Ali Abdallah Saleh unterstand, eine Stelle als Dozentin. Ich bin Autorin geworden, weil mir das Schreiben die Möglichkeit eröffnet, die Welt und mich selbst besser zu verstehen. Seit 1998 schrieb ich für jemenitische Zeitungen, später auch für Zeitschriften im arabischen Ausland. Als 2011 der Aufstand gegen Präsident Saleh begann, schloss ich mich den Protesten an. Ich träumte von einer Veränderung des politischen Systems und sozialer Gerechtigkeit, aber religiöse Kräfte, die sich an den Aufstand angehängt hatten, verhängten mit der Unterschrift von 70 Religionsgelehrten eine Fatwa gegen mich und bedrohten mein Leben, weil ich mich angeblich gegen den Islam vergangen hatte.

Trotzdem schrieb ich weiter und wurde 2013 mit dem Françoise-Giroud-Preis in Paris ausgezeichnet sowie im selben Jahr in Washington mit dem Leaders for Democracy-Preis. 2012 erschien in Beirut mein Roman „Hinter der Sonne“ und 2015 das zusammen mit dem libanesischen Denker Fawwaz Trabulsi erschienene Werk „Der Südjemen unter linker Herrschaft“. 2018 folgte „Was hast du hinter dir gelassen?“, eine Dokumentation der Opfer des Krieges im Jemen (deutsch 2020). Ich schreibe auch heute noch für arabische Zeitschriften wie al-Arabi al-Jadid und al-Beit al-Khaliji, und manche meiner Artikel erscheinen in Übersetzung auch in internationalen Publikationen. Für Institute wie die Rosa-Luxemburg-Stiftung und das Sanaa Centre for Strategic Studies erstelle ich Studien.

Ich lebe trotz des Krieges noch im Jemen und reiste nur 2018 für eine Signierstunde nach Beirut. Dort wurde bei mir ein Gehirntumor und ein Hörschaden festgestellt, und in Kairo ließ ich die deshalb nötigen zwei Operationen machen. Die erste lief trotz mancher bleibender Nachwirkungen erfolgreich, aber der Eingriff am Ohr ging schief, so dass ich noch heute an einer Hörschwäche leide, obgleich ich ein Hörgerät benutze und Schläuche im Ohr trage. Trotz meiner somit angegriffenen Gesundheit schreibe ich noch immer Artikel; allerdings musste ich mehrere Buchprojekte aufschieben, mit denen ich schon begonnen hatte.

Der Jemen ist ein schönes Land, und die Jemeniten sind nette und großzügige Menschen, aber jetzt, im Zeichen des Krieges, erleben sie eine schwierige Zeit. Die von Iran unterstützte Huthi-Miliz, Saudi-Arabien, die Emirate, Milizen in Taiz und im Süden sowie religiöse Kräfte, sie alle töten Jemeniten.

Durch den Krieg sind die Jemeniten verarmt, sie heben keine Arbeit und kein Einkommen mehr und leben von humanitärer Hilfe. Selbst die 1,2 Millionen Staatsbediensteten bekommen seit vier Jahren kein Gehalt mehr.

Wie sollen Menschen so weiterleben?

Sie können nur Schulden anhäufen und warten auf Überweisungen von Verwandten im Ausland, während Minister und Huthi-Milizen in Reichtum leben und ihre Familien ins Ausland bringen. Ihre Kinder studieren an europäischen Universitäten und interessieren sich nicht dafür, dass ihre Landsleute im Jemen sterben.

Sauberes Trinkwasser finden die Menschen nirgends. Tag für Tag müssen wir uns Wasser kaufen, aber die das nicht können, müssen auf verschmutztes Wasser zurückgreifen. Mein Mann und ich schreiben Artikel, um überleben zu können, aber viele Menschen haben einfach kein Geld mehr.

Die Straßen zwischen den Städten sind abgeriegelt und werden von Milizen kontrolliert, die jeweils einer Gruppierung, einer Partei oder einem ausländischen Staat zuarbeiten. Sie hindern die Bürger am Reisen und nehmen ihnen ihr Geld ab.

Die Krankenhäuser sind weitgehend zerstört, die guten Ärzte haben das Land verlassen und Medikamente, zum Beispiel gegen Krebs, Zucker, und Hepathitis, gibt es nur auf dem Schwarzmarkt, aber die meisten Patienten haben kein Geld, um sie sich leisten zu können. Erst vor einigen Tagen musste mir mein Mann für teures Geld geschmuggelte Medikamente kaufen.

Versucht man, für eine Behandlung ins Ausland zu reisen, stirbt man unterwegs. Der Flughafen der Hauptstadt Sanaa ist seit drei Jahren geschlossen, und der Landweg ist lebensgefährlich. Von Sanaa nach Aden sind es 360 Kilometer, dafür hat man vor dem Krieg fünf Stunden gebraucht, jetzt muss man dafür 20 Stunden einplanen. Nicht alle Kranken überleben eine solche Reise.

Über den Flughafen Sanaa werden nur Flüge der UN abgewickelt, zudem einige wenige humanitäre Flüge, aber die kontrollierenden Huthi-Milizen nehmen den Kranken dort ihr letztes Geld ab oder verlangen so viel, dass diese umkehren müssen. Außerdem sterben Jemeniten bei Luftangriffen der saudischen Luftwaffe, durch Beschuss der Huthis und anderer Milizen und durch Landminen. Sie sterben an Hunger, Krankheiten und am Corona-Virus.

Die Welt ignoriert, was im Jemen passiert, und viele Staaten verkaufen den Kriegführenden weiter Waffen.

Ich wünsche mir, der Krieg in meinem Land möge aufhören.

Einen Friedensgruß an die Opfer von Kriegen und Seuchen im Jemen und in der Welt.

Dossier

Über den Krieg im Jemen, der seit fünf Jahren das Land verwüstet, wird bei uns kaum noch berichtet. Es ist ein vergessener Krieg, den keiner mehr versteht. Die Folge ist, wie die UN festgestellt hat, eine humanitäre Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes. Die Hauptstadt Sanaa, UNESCO-Weltkulturerbe, ist ein Schlachtfeld.  

Jetzt gibt es eine Stimme aus dem Jemen, die uns vom Leben und Sterben unter den Luftangriffen und dem Granaten-Beschuss erzählt. Die Journalistin und Schriftstellerin Bushra al-Maktari will daran erinnern, dass es ihr Land gibt und festhalten, was dort geschieht.

Sie dokumentiert einzelne, individuelle Schicksale. Sie nennt Namen, gibt den Menschen eine Stimme, zum Beispiel Nasiba, deren kleine Tochter starb, weil sie sie im falschen Moment zum Kartoffeln kaufen schickte. Es sind Geschichten, wie man sie aus jedem Krieg kennt, über den Preis, den die zivilen Opfer zahlen, aus einem Land, von dem wir kaum etwas wissen. 

Bushra al-Maktari ist unter Lebensgefahr zwei Jahre lang durch ihr Land gereist und hat Gespräche mit über 400 Überlebenden geführt. Sie hat sie gefragt nach dem Verlust ihrer Angehörigen, ihrer Eltern, ihrer Kinder. Und sie hat gefragt nach dem Alltag im Krieg. Über 40 Protokolle sind daraus entstanden, für das Buch: "Was hast du hinter dir gelassen?"

Bushra al-Maktari ist 41 Jahre alt, sie lebt im Sanaa. 2015 beschloss sie, wie ihr Vorbild, die weißrussische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, das Leiden der Menschen im Jemen-Krieg zu dokumentieren. Verfasst hat sie ihr Buch oft bei Kerzenlicht, weil es in Sanaa kaum mehr Strom gibt. Im Vorwort notiert sie: "Jetzt schreibe ich wieder im Kerzenschein, wie damals, zu Kriegsbeginn. Das Dröhnen der Explosionen schwillt an, die Fenster meiner Wohnung klirren." Ihr Mann brachte den Laptop einmal am Tag zur nahegelegenen Apotheke, um ihn dort aufzuladen.

Zuerst erschien das Buch auf Arabisch. Die ehemalige Nahost-Korrespondentin der "Neuen Züricher Zeitung" Monika Bolliger wurde darauf aufmerksam. Sie traf sich mit Bushra al-Maktari, übersetzte zwei Kapitel des Buches – so fand es den Weg nach Deutschland. "Ich wollte Bushra al-Maktari unbedingt kennenlernen. Ich habe sie auf den ersten Blick als sehr zierliche und liebenswürdige Frau wahrgenommen, die aber auch – man hat schnell gemerkt – einen sehr starken Willen hat und sehr entschlossen ist. Wenn sie etwas will, dann kämpft sie dafür.", erzählte Monika Bolliger Titel, Thesen, Temperamente, dem Kulturmagazin der ARD.

Im Buch kommt zum Beispiel Munira zu Wort: Mutter von 4 Kindern. Eine Rakete ist in ihr Wohnhaus eingeschlagen. Ihre beiden Töchter kamen dabei ums Leben: "Das Licht meines Lebens ist verloschen. Finsternis umgibt mich. In dieser Finsternis höre ich die Stimmen meiner Töchter."

"Das Buch ist ein Versuch, die Opfer zum Sprechen zu bringen, ihnen eine Stimme zu geben. Damit die Welt diese Stimmen hören kann. Ich wollte den Schmerz der Opfer dokumentieren – nicht mit Zahlen, sondern indem sie über ihr Leid erzählen.", so al-Maktari.

Das Buch ist wie ein Rufen von Verschütteten, die die Welt vergessen hat, die niemand hört, denen niemand hilft, heißt es in dem Beitrag von TTT, der Ende März 2020 ausgestrahlt wurde. Für die Sendung antwortete Bushra al-Maktari per Mail. Ein Treffen war nicht möglich.

Zuletzt wollte sie nach Amman, sie hatte dort einen Termin für ein Visum bei der deutschen Botschaft, um zur Vorstellung ihres Buches nach Deutschland zu reisen. Aber im Moment ist der Jemen vollkommen abgeschlossen, auch aus Angst davor, dass sich das Coronavirus dort verbreiten könnte, in einer schon äußerst geschwächten Bevölkerung, für die es kaum mehr medizinische Versorgung gibt.

Aus dem Jemen kommen keine Flüchtlinge nach Europa. Es gibt keine Fluchtrouten – weder übers Meer noch über Land. Die Menschen sind gefangen im Krieg. "Das ist vielleicht zynisch: Aber die Europäer interessieren sich offenbar vor allem für jene Länder, aus denen Flüchtlinge kommen. Und die Jemeniten, die schaffen es gar nicht nach Europa. Und deswegen scheint das vielen Leute auch irgendwie weit weg", sagt Monika Bolliger in dem TTT-Beitrag.

Die Bilder, die beim Lesen im Kopf entstehen, hinterlassen tiefe Spuren. Ein Helfer, der nach einem Raketenangriff Tote aus den Trümmern barg, sagte al-Maktari: "Es ist nicht so wie bei den Bildern von Kriegen und Massakern, die im Fernsehen oder im Netz zu sehen sind. Diese realen Bilder meißeln einem das Grauen in den Schädel."

Bushra al-Maktari wurde 1979 geboren. Im Arabischen Frühling 2011 führte sie im Jemen Proteste gegen den Autokraten Ali Abdallah Saleh an. Daraufhin verhängten konservative Religionsführer eine Fatwa über sie und forderten ihren Tod. 

2003 erschien ihre Prosasammlung (Dar Ubadi) und 2012 ihr Roman (Al-Markez al-Thaqafi al-Arabi, Beirut). Ihre Texte wurden in verschiedenen arabischen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht. Im Jahr 2013 erhielt sie den Françoise Giroud Award for Defence of Freedom and Liberties in Paris und den Leaders for Democracy Prize des Project on Middle East Democracy in Washington.   

Ihr Buch „Was hast du hinter dir gelassen?“ ist bei Econ Ende März zunächst als e-Book erschienen, eine Hardcover-Ausgabe soll folgen.

(Christiane Schlötzer)