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Bushra Al-Maktari

Aktivistin und Buchautorin aus dem Jemen

Begründung

Über den Krieg im Jemen, der seit fünf Jahren das Land verwüstet, wird bei uns kaum noch berichtet. Es ist ein vergessener Krieg, den keiner mehr versteht. Die Folge ist, wie die UN festgestellt hat, eine humanitäre Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes. Die Hauptstadt Sanaa, UNESCO-Weltkulturerbe, ist ein Schlachtfeld.  

Jetzt gibt es eine Stimme aus dem Jemen, die uns vom Leben und Sterben unter den Luftangriffen und dem Granaten-Beschuss erzählt. Die Journalistin und Schriftstellerin Bushra al-Maktari will daran erinnern, dass es ihr Land gibt und festhalten, was dort geschieht.

Sie dokumentiert einzelne, individuelle Schicksale. Sie nennt Namen, gibt den Menschen eine Stimme, zum Beispiel Nasiba, deren kleine Tochter starb, weil sie sie im falschen Moment zum Kartoffeln kaufen schickte. Es sind Geschichten, wie man sie aus jedem Krieg kennt, über den Preis, den die zivilen Opfer zahlen, aus einem Land, von dem wir kaum etwas wissen. 

Bushra al-Maktari ist unter Lebensgefahr zwei Jahre lang durch ihr Land gereist und hat Gespräche mit über 400 Überlebenden geführt. Sie hat sie gefragt nach dem Verlust ihrer Angehörigen, ihrer Eltern, ihrer Kinder. Und sie hat gefragt nach dem Alltag im Krieg. Über 40 Protokolle sind daraus entstanden, für das Buch: "Was hast du hinter dir gelassen?"

Bushra al-Maktari ist 41 Jahre alt, sie lebt im Sanaa. 2015 beschloss sie, wie ihr Vorbild, die weißrussische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, das Leiden der Menschen im Jemen-Krieg zu dokumentieren. Verfasst hat sie ihr Buch oft bei Kerzenlicht, weil es in Sanaa kaum mehr Strom gibt. Im Vorwort notiert sie: "Jetzt schreibe ich wieder im Kerzenschein, wie damals, zu Kriegsbeginn. Das Dröhnen der Explosionen schwillt an, die Fenster meiner Wohnung klirren." Ihr Mann brachte den Laptop einmal am Tag zur nahegelegenen Apotheke, um ihn dort aufzuladen.

Zuerst erschien das Buch auf Arabisch. Die ehemalige Nahost-Korrespondentin der "Neuen Züricher Zeitung" Monika Bolliger wurde darauf aufmerksam. Sie traf sich mit Bushra al-Maktari, übersetzte zwei Kapitel des Buches – so fand es den Weg nach Deutschland. "Ich wollte Bushra al-Maktari unbedingt kennenlernen. Ich habe sie auf den ersten Blick als sehr zierliche und liebenswürdige Frau wahrgenommen, die aber auch – man hat schnell gemerkt – einen sehr starken Willen hat und sehr entschlossen ist. Wenn sie etwas will, dann kämpft sie dafür.", erzählte Monika Bolliger Titel, Thesen, Temperamente, dem Kulturmagazin der ARD.

Im Buch kommt zum Beispiel Munira zu Wort: Mutter von 4 Kindern. Eine Rakete ist in ihr Wohnhaus eingeschlagen. Ihre beiden Töchter kamen dabei ums Leben: "Das Licht meines Lebens ist verloschen. Finsternis umgibt mich. In dieser Finsternis höre ich die Stimmen meiner Töchter."

"Das Buch ist ein Versuch, die Opfer zum Sprechen zu bringen, ihnen eine Stimme zu geben. Damit die Welt diese Stimmen hören kann. Ich wollte den Schmerz der Opfer dokumentieren – nicht mit Zahlen, sondern indem sie über ihr Leid erzählen.", so al-Maktari.

Das Buch ist wie ein Rufen von Verschütteten, die die Welt vergessen hat, die niemand hört, denen niemand hilft, heißt es in dem Beitrag von TTT, der Ende März 2020 ausgestrahlt wurde. Für die Sendung antwortete Bushra al-Maktari per Mail. Ein Treffen war nicht möglich.

Zuletzt wollte sie nach Amman, sie hatte dort einen Termin für ein Visum bei der deutschen Botschaft, um zur Vorstellung ihres Buches nach Deutschland zu reisen. Aber im Moment ist der Jemen vollkommen abgeschlossen, auch aus Angst davor, dass sich das Coronavirus dort verbreiten könnte, in einer schon äußerst geschwächten Bevölkerung, für die es kaum mehr medizinische Versorgung gibt.

Aus dem Jemen kommen keine Flüchtlinge nach Europa. Es gibt keine Fluchtrouten – weder übers Meer noch über Land. Die Menschen sind gefangen im Krieg. "Das ist vielleicht zynisch: Aber die Europäer interessieren sich offenbar vor allem für jene Länder, aus denen Flüchtlinge kommen. Und die Jemeniten, die schaffen es gar nicht nach Europa. Und deswegen scheint das vielen Leute auch irgendwie weit weg", sagt Monika Bolliger in dem TTT-Beitrag.

Die Bilder, die beim Lesen im Kopf entstehen, hinterlassen tiefe Spuren. Ein Helfer, der nach einem Raketenangriff Tote aus den Trümmern barg, sagte al-Maktari: "Es ist nicht so wie bei den Bildern von Kriegen und Massakern, die im Fernsehen oder im Netz zu sehen sind. Diese realen Bilder meißeln einem das Grauen in den Schädel."

Bushra al-Maktari wurde 1979 geboren. Im Arabischen Frühling 2011 führte sie im Jemen Proteste gegen den Autokraten Ali Abdallah Saleh an. Daraufhin verhängten konservative Religionsführer eine Fatwa über sie und forderten ihren Tod. 

2003 erschien ihre Prosasammlung (Dar Ubadi) und 2012 ihr Roman (Al-Markez al-Thaqafi al-Arabi, Beirut). Ihre Texte wurden in verschiedenen arabischen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht. Im Jahr 2013 erhielt sie den Françoise Giroud Award for Defence of Freedom and Liberties in Paris und den Leaders for Democracy Prize des Project on Middle East Democracy in Washington.   

Ihr Buch „Was hast du hinter dir gelassen?“ ist bei Econ Ende März zunächst als e-Book erschienen, eine Hardcover-Ausgabe soll folgen.

(Christiane Schlötzer)

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