Die Palm-Stiftung zeichnet in diesem Jahr zwei Menschen aus, die unter erheblichem persönlichem Risiko für die Freiheit des Wortes eingetreten sind – und deren Arbeit unmittelbar nach Deutschland hineinwirkt. „Es sind weltweit Sachverhalte vorhanden, auf die unser Preis passt. Aber es war uns wichtig, dass wir auch Menschen im Inland ansprechen“, sagt Prof. Ulrich Palm, Vorsitzender des Stiftungsrates und Mitglied des Kuratoriums. Die Wahl fiel auf eine russische Schriftstellerin und einen mauretanischen Juristen – zwei Biografien, die gegensätzlicher kaum sein könnten und doch dasselbe zeigen: Meinungsfreiheit ist nicht selbstverständlich.
Natalja Kljutscharjowa – Zeugin gegen den Krieg
Natalja Kljutscharjowa, geboren 1981 in Perm, steht für den mutigen Widerstand russischer Intellektueller gegen Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine – einen Krieg, der auch Europa und Deutschland in seinen Grundfesten erschüttert. Ihr Zeugnis erinnert daran, dass hinter jedem Kriegsverbrechen auch das Verbrechen an der Wahrheit und an der Meinungsfreiheit steht.
Die russische Schriftstellerin und Publizistin studierte an der Staatlichen Pädagogischen Universität Jaroslawl und veröffentlicht seit 2002 Lyrik und Prosa. Ihre Romane „Endstation Russland“ (2010) und „Dummendorf“ (2012) sind im Suhrkamp Verlag erschienen. Kljutscharjowa begann noch am ersten Tag des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, am 24. Februar 2022, ein Tagebuch zu schreiben. Es kursierte im russischen Internet und fand ein großes Echo. „Sie hat von Anfang an ganz klar Stellung genommen“, sagt Palm. Als eine Denunziation sie gefährdete, floh Kljutscharjowa 2023 mit ihren beiden Töchtern nach Deutschland. Das Tagebuch erschien noch im selben Jahr als „Tagebuch vom Ende der Welt“ bei Suhrkamp.
Im Exil in Landshut setzt sie ihre Arbeit fort: In Artikeln für die Süddeutsche Zeitung gibt sie politischen Gefangenen in Russland eine Stimme – Menschen, die für ein Foto, ein Gespräch oder wenige Worte zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden und im Gefängnis erneut angeklagt werden. Palm betont: „Es gibt Menschen in Russland, die gegen dieses Unrechtssystem aufstehen und kämpfen.“ Kljutscharjowa ist eine von ihnen.
Yahya Ekhou – Stimme für säkulare Freiheit
Yahya Ekhou steht für jene Menschen, die aus ihren Herkunftsländern fliehen mussten, weil sie eine säkulare Lebensweise und das freie Denken verteidigen. Sein Wirken in Deutschland – als Stimme gegen religiös begründete Repression, gegen die Kriminalisierung von Apostasie und Blasphemie sowie für den Schutz säkularer und ex-muslimischer Geflüchteter – macht deutlich, dass die Auseinandersetzung mit politischem Islam keine abstrakte Frage ist, sondern den gesellschaftlichen Alltag in Deutschland unmittelbar berührt.
Der 1990 geborene mauretanische Autor und Jurist wuchs in einer sunnitisch-muslimisch geprägten Stammesgesellschaft auf. Als zukünftiger Stammesführer vorgesehen, durfte er zum Studium nach Ägypten – und erlebte dort eine intellektuelle Aufklärung. „Ihm wurde gesagt, dass alle Nicht-Muslime böse Menschen seien. Und dann waren da plötzlich Menschen nett zu ihm, die gar keine Muslime waren“, schildert Palm. Zurück in Mauretanien gründete Ekhou das „Network of Liberals in Mauritania“ und setzte sich für säkulare Reformen und Religionsfreiheit ein. Er wurde verfolgt, inhaftiert, mit einer Fatwa belegt und seiner Staatsbürgerschaft beraubt. 2018 floh er nach Deutschland.
Auch hier blieb er nicht unbehelligt: In Asylunterkünften wurde er bedroht, weil er offen äußerte, nicht mehr zu glauben. „Es gibt Sachverhalte, die man nicht frei sagen kann, auch wenn es rechtlich vorgesehen ist“, so Palm. Heute ist Ekhou Vorsitzender der Säkularen Flüchtlingshilfe Deutschland und Gründungsmitglied des Arbeitskreises Politischer Islam. Als Autor – zuletzt „Stimmen aus der Stille“ (akono Verlag, 2025) – macht er Islamisierungstendenzen und die Lage säkularer Geflüchteter sichtbar. Palm fasst es klar zusammen:
„Zu einer freiheitlichen Demokratie gehört, dass ebenso die Freiheit, an nichts zu glauben, respektiert wird. Unser Grundgesetz steht über religiösen Gesetzen.“
Beide Preisträger leben heute in Deutschland und wirken von hier aus als wichtige Stimmen in den Debatten ihrer Zeit. Die Palm-Stiftung ehrt mit dieser Auszeichnung ihre anhaltende Courage, die Freiheit des Wortes als universales Gut zu verteidigen – auch dann, wenn es gefährlich ist.
Über den Palm-Preis
Der Johann-Philipp-Palm-Preis für Meinungs- und Pressefreiheit wird von der Palm-Stiftung in Schorndorf vergeben. Er ist benannt nach dem Buchhändler und Verleger Johann Philipp Palm, der 1806 auf Befehl Napoleons hingerichtet wurde. Der Preis würdigt Persönlichkeiten, die sich unter schwierigen oder gefährlichen Bedingungen für die Freiheit des Wortes einsetzen. Die diesjährigen Preisträger erhalten jeweils 10.000 Euro. Die Preisverleihung findet am 29. November 2026 in der Barbara-Künkelin-Halle in Schorndorf statt.