„Schreiben ist meine Art zu leben"

Natalja Kljutscharjowa, Preisträgerin des Johann-Philipp-Palm-Preises 2026

Natalja Kljutscharjowa erhält 2026 den Johann-Philipp-Palm-Preis für Meinungs- und Pressefreiheit.

Natalja Kljutscharjowa erhält dieses Jahr den Johann-Philipp-Palm-Preis für Meinungs- und Pressefreiheit. Die russische Schriftstellerin und Journalistin lebt seit 2023 im bayerischen Landshut im Exil. Die Jury würdigt ihr literarisches und publizistisches Lebenswerk: ihre Bücher über Krieg, Flucht und den Verlust einer Heimat ebenso wie ihre journalistische Arbeit über die politischen Repressionen in Russland. Anlässlich der Auszeichnung haben wir mit ihr über das Schreiben als Überlebensstrategie, die Aufgabe der Literatur und die Ängste und den Mut der Menschen in ihrem Herkunftsland gesprochen.

Frau Kljutscharjowa, herzlichen Glückwunsch zum Johann-Philipp-Palm-Preis! Bevor wir über die Auszeichnung sprechen – Sie sind eine vielfach ausgezeichnete Autorin. Für wen schreiben Sie eigentlich, und was gibt Ihnen das Schreiben?

Lassen Sie mich mit etwas Persönlichem beginnen. Schreiben gehört zu meinem Wesen. In Zeiten, in denen ich nicht schreibe, habe ich das Gefühl, nicht wirklich lebendig zu sein. Schreiben ist meine Art zu leben.

Es ist aber auch meine Art, mit den schwersten Momenten des Lebens umzugehen. Als mein Land 2022 seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine begann, konnte ich nur deshalb seelisch nicht zerbrechen, weil ich alles aufschrieb, was in mir und um mich herum geschah. Auf einer tiefen existenziellen Ebene könnte man deshalb sagen, dass ich zunächst für mich selbst schreibe. So wie ein Mensch nicht „für jemanden" atmet, sondern einfach atmet, weil er sonst nicht leben kann.

Das klingt, als sei Schreiben für Sie fast eine Überlebensstrategie gewesen. Aber Sie veröffentlichen ja auch – Sie richten sich an ein Publikum. Wie passt das zusammen?

Schreiben hat noch eine andere Ebene – die, auf der ein Text zu einem Mittel der Verständigung wird. Für mich ist ein Text eine Brücke zwischen Menschen. Sowohl als Schriftstellerin als auch als Journalistin schreibe ich, um Menschen anderen Menschen näherzubringen. Ich glaube, dass wir einander umso weniger fürchten, je mehr wir voneinander wissen. Und je weniger wir einander fürchten, desto weniger Raum bleibt für Hass und Grausamkeit. Ja, ich weiß, dass das heute naiv klingen mag. Aber ich kenne keinen anderen Weg.

Ihr letztes Buch, „Woher kommst du? Tagebuch einer Geflüchteten“, richtet sich ja explizit an ein deutsches Publikum. Was wollten Sie damit erreichen?

Mir war es wichtig, die Welt der Geflüchteten von innen zu zeigen – nicht durch Zahlen, politische Debatten oder Schlagzeilen, sondern durch gelebte Erfahrung. Ich wollte Menschen, die über dieses Leben nur wenig wissen, die Möglichkeit geben, es besser zu verstehen.

Dasselbe gilt für meine journalistische Arbeit. Heute schreibe ich vor allem für ein deutsches Publikum und berichte darüber, was sich innerhalb Russlands abspielt. Im Mittelpunkt stehen dabei die politischen Repressionen, die immer brutaler und absurder werden. Mir ist wichtig zu zeigen, dass die russische Gesellschaft sehr viel vielfältiger ist, als sie von außen oft erscheint. Es gibt Menschen, die sich gegen den Krieg stellen und dafür mit ihrer Freiheit, ihrer Sicherheit oder sogar mit ihrer Heimat bezahlen. Von diesen Menschen zu erzählen, bedeutet für mich ebenfalls, Brücken zu bauen.

Bleiben wir bei dieser Brückenfunktion der Literatur. Was kann sie überhaupt leisten? Sehen Sie sich eher als Chronistin des Krieges – oder auch als Dissidentin?

Literatur hilft uns, unsere Menschlichkeit zu bewahren. Das Menschliche in uns ist das Schönste – und zugleich das Zerbrechlichste. Es geht leicht verloren.

Warum ist das gerade jetzt so entscheidend?

Weil jede Form von Gewalt mit Entmenschlichung beginnt. Es ist schwer, einen Menschen zu schlagen, einen Menschen zu erniedrigen oder einen Menschen zu töten. Doch wenn man im anderen keinen Menschen mehr sieht, sondern nur noch ein Etikett – „Feind", „Migrant", „Andersgläubiger", „Terrorist" –, dann wird Gewalt möglich. Genau das ist das Prinzip jeder Propaganda: Sie entmenschlicht.

Sich der Entmenschlichung entgegenzustellen, ist eine der schwierigsten inneren Aufgaben. Ich sehe die Aufgabe der Literatur darin, dem Menschen zu helfen, Mensch zu bleiben, und ihn auf diesem schwierigen Weg zu begleiten.

Sie leben seit 2023 mit Ihren Töchtern in Landshut. Wie erleben Sie den Blick der jungen Generation hier auf die Demokratie – und was könnte junge Menschen in Deutschland motivieren, sich stärker mit ihr zu befassen?

Es ist wichtig, Zeugnisse von Menschen aus nicht-demokratischen Gesellschaften wahrzunehmen. Sie sind erschreckender als jede Dystopie.

Junge Menschen, die in einer Demokratie geboren und aufgewachsen sind, halten Freiheit für selbstverständlich. Als jemand, der den Wandel von einer Demokratie zu einer Diktatur miterlebt hat, kann ich bezeugen: Es ist sehr leicht, die Freiheit zu verlieren. Und es ist praktisch unmöglich, sie wiederzuerlangen.

Das ist eine ziemlich düstere Warnung. Sehen Sie trotzdem eine Zukunft für die Demokratie – auch angesichts ihrer derzeitigen Krise?

Auch wenn die Demokratie sich derzeit in einer tiefen Krise befindet und den Herausforderungen der Zeit nicht gewachsen zu sein scheint, gibt es keine Alternative. Weder für Deutschland, noch für andere Länder. Demokratie ist das Beste, was die Menschheit je erfunden hat.

Lassen Sie uns über Russland selbst sprechen. Welche Ängste nehmen Sie bei den Menschen dort heute wahr?

Das sind die Ängste, die Menschen unter jeder Diktatur plagen. Die Angst, dass jedes Wort einem zum Verhängnis werden könnte. Die Angst, dass jeder, den man kennt – der beste Freund, der Bruder, der Nachbar, ein Bekannter – einen denunzieren könnte. Und man selbst landet hinter Gittern. Und die Kinder im Waisenhaus.

Was würde diesen Menschen denn Mut machen können?

Was bedeutet es in einer solchen Situation, „Mut zu spenden“? Zu sagen: „Hab doch keine Angst, geh ins Gefängnis“? Wer würde so etwas wagen?

Was könnte Mut spenden? Wenn Putin irgendwo verhaftet und vor ein internationales Tribunal für all die Verbrechen gestellt würde, die er gegen das ukrainische Volk und sein eigenes begangen hat. Das könnte den Menschen Mut machen. Aber ich glaube nicht, dass es geschehen wird …

Das ist ein ernüchterndes Bild. Gibt es denn überhaupt noch eine organisierte Opposition in Russland – und wie stark schätzen Sie diese ein?

In Russland gibt es keine Opposition als politische Kraft, und das ist nicht verwunderlich. Seit 26 Jahren baut Putin jede Opposition systematisch ab. Einige Politiker wurden getötet – Nemzow, Nawalny –, andere des Landes verwiesen, und wieder andere sitzen im Gefängnis, ohne Hoffnung auf Freilassung.

Wenn man sich beispielsweise das Video von Nawalnys Beerdigung ansieht – wo von morgens bis abends unaufhörlich Menschen zum Grab strömen –, erkennt man, dass es viele gibt, die mit dem Regime nicht einverstanden sind. Doch ohne Anführer und ohne Organisation stellen sie keine politische Kraft dar.

Sehen Sie darin auch wieder eine Aufgabe für die Literatur – solche stillen Formen des Widerstands festzuhalten?

Ja. Vielleicht ist das auch eine Aufgabe der Literatur: Erfahrungen festzuhalten, die sonst im Schweigen verschwinden würden.

Frau Kljutscharjowa, vielen Dank für dieses offene und eindringliche Gespräch – und herzlichen Glückwunsch noch einmal zum Palm-Preis.

Ich danke Ihnen.

 

Infotext: Natalja Kljutscharjowa – Schriftstellerin und Publizistin im Exil

Natalja Kljutscharjowa, geboren 1981 in Perm, gehört zu den markantesten literarischen Stimmen Russlands. Seit 2002 veröffentlicht sie Lyrik und Prosa; im deutschsprachigen Raum wurde sie vor allem durch ihre bei Suhrkamp erschienenen Romane „Endstation Russland“ (2010) und „Dummendorf“ (2012) bekannt.

Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 begann Kljutscharjowa, den Krieg und seine Folgen in einem vielbeachteten Tagebuch festzuhalten – eine Chronik des Zusammenbruchs einer Welt, wie sie sie kannte. 2023 verließ sie mit ihren Töchtern Russland und ging nach Deutschland ins Exil, wo sie seither in Landshut lebt. Im selben Jahr erschien bei Suhrkamp ihr „Tagebuch vom Ende der Welt“. Zuletzt veröffentlichte sie „Woher kommst du? Tagebuch einer Geflüchteten“, in dem sie die Lebenswirklichkeit von Geflüchteten aus der Innenperspektive schildert.

Auch aus dem Exil heraus setzt sich Kljutscharjowa journalistisch für politisch Verfolgte in Russland ein und berichtet für ein deutsches Publikum über die zunehmend brutalen Repressionen im Land – und über jene Teile der russischen Gesellschaft, die sich dem Krieg widersetzen.

 

Infotext: Der Johann-Philipp-Palm-Preis 2026

Der Johann-Philipp-Palm-Preis wird von der Palm-Stiftung alle zwei Jahre an Persönlichkeiten oder Institutionen verliehen, die sich mit außergewöhnlichem persönlichem Einsatz für Meinungs- und Pressefreiheit engagieren, oft unter widrigsten Bedingungen. Namensgeber ist der Schorndorfer Buchhändler und Verleger Johann Philipp Palm, der 1806 von napoleonischen Truppen hingerichtet wurde, weil er sich weigerte, den Verfasser einer regierungskritischen Schrift preiszugeben.

Der mit insgesamt 20.000 Euro dotierte Preis wird für ein Lebenswerk vergeben und in diesem Jahr zu gleichen Teilen an zwei Persönlichkeiten verliehen: an Natalja Kljutscharjowa und an den mauretanischen Autor und Menschenrechtsaktivisten Yahya Ekhou.

In der Jurybegründung für Kljutscharjowa, eingereicht vom Suhrkamp-Verlagslektor Carl Wilhelm Macke, heißt es, sie habe sich „in der Auseinandersetzung mit dem Schweigen und dem Ende einer Welt … als Persönlichkeit von Mut und literarischer Integrität" bewiesen. Die Preisverleihung findet am ersten Adventssonntag in Schorndorf statt.