Der mauretanische Autor und Jurist Yahya Ekhou erhält den Johann-Philipp-Palm-Preis 2026 für Meinungs- und Pressefreiheit. Ein Gespräch über Herkunft, Gefängnis, Exil und die Macht der Worte.
Die Palm-Stiftung ehrt in diesem Jahr eine Stimme aus dem Exil. Yahya Ekhou lebt heute in Deutschland. In seiner Heimat Mauretanien verlor er die Freiheit und die Staatsbürgerschaft. Der 13. Johann-Philipp-Palm-Preis für Meinungs- und Pressefreiheit würdigt seinen Einsatz. Der mauretanische Jurist und Autor teilt sich die Auszeichnung. Die zweite Preisträgerin ist die russische Schriftstellerin Natalja Kljutscharjowa. Beide erhalten je 10.000 Euro. Die Verleihung findet am 29. November in der Barbara-Künkelin-Halle statt. Der Preis erinnert an den Schorndorfer Buchhändler Johann Philipp Palm. Napoleon ließ ihn 1806 hinrichten. Wir sprachen mit Ekhou über seinen Weg.
Herr Ekhou, in Schorndorf erhalten Sie einen Preis für die Freiheit des Wortes. Ihr Weg dorthin begann weit weg von Deutschland. Wo genau nimmt die Geschichte des Aktivisten ihren Anfang?
Sie beginnt dort, wo ich geboren wurde. Sie beginnt in der Familie, in der ich aufwuchs. Ich bin Araber und stamme aus Mauretanien. Meine Familie hatte großen Stammes- und sozialen Einfluss. Ich wuchs nicht am unteren Ende der Pyramide auf. Durch meine Herkunft gehörte ich zu ihrer Spitze. Das ist wichtig, um meinen Weg zu verstehen. Ich habe soziale Ungleichheit nicht als lebenslanges Opfer entdeckt. In meiner Kindheit lernte ich religiöse Bücher und arabische Poesie. Sie sollten mich auf eine Führungsrolle im Stamm vorbereiten. Ich sah die Stammesbeziehungen genau. Ich verstand früh, wer Einfluss hatte und wer nicht. Später kamen die Neugier und der Zweifel. Vor allem in der Oberstufe stellte ich Fragen. Warum bestimmt die Geburt den Platz eines Menschen? Warum zählt ein Stammestitel mehr als ein Mensch? Diese Fragen wurden zu einem festen Teil meines Lebens.
Sie betonen, dass Sie oben in dieser Pyramide standen. Trotzdem stellten Sie das ganze System infrage.
Es ist ein System mit ungleich verteilter Macht. Eine kleine Gruppe an der Spitze hat viel mehr Einfluss. Darunter liegen verschiedene soziale Klassen. Jede hat ihren eigenen Status. Das Problem ist nicht, dass Menschen sich unterscheiden. Das Problem ist die Dauerhaftigkeit dieser Ordnung. Sie legt Wert, Status und Rechte schon bei der Geburt fest. Man weiß im Voraus, wer oben bleibt. Und man weiß, wer unten bleibt. Das ist keine Gerechtigkeit. Ich will die Menschen an der Spitze nicht einfach austauschen. Ich will eine Gesellschaft ohne diese Pyramide denken.
Nun ist eine ungleiche Gesellschaft das eine. Ein Staat, der das absichert, ist das andere. Sie sagen, in Mauretanien fielen beide zusammen. Wie muss ich mir dieses Verhältnis von Stamm und Staat vorstellen?
Das Stammes-System ist mächtiger als die staatlichen Institutionen. Kurz gesagt: Der Staat ist der Stamm. Und der Stamm ist der Staat. Dabei gehen die Rechte der unteren Gruppen verloren. Mauretanien besteht nicht aus einer einzigen Ethnie. Es gibt Araber, Poular, Wolof, Soninke und Amazigh. Doch eine Ethnie kontrolliert Macht, Wirtschaft, Armee und Religion. Das sind die Araber. So wird die Idee eines rein arabischen Mauretaniens gefördert. Das aber ist nur ein Teil der Wahrheit. Es gibt viele nicht-arabische Teile der Gesellschaft.
Sie wuchsen in einer Welt mit festen Antworten auf. Dann verließen Sie Mauretanien zum Studium. In Kairo trafen Sie plötzlich auf ganz andere Ideen. Wann begannen Sie, nach eigenen Antworten zu suchen?
In Nouakchott. Ich bestand die Oberstufe mit ausgezeichneter Note. So erhielt ich ein Stipendium für ein Jurastudium. Die Universität Kairo hat eine renommierte juristische Fakultät. Dort öffnete sich ein weites Fenster zur Welt. In Mauretanien bewegten sich viele Bücher in einem engen Rahmen. In Kairo las ich Autoren aus aller Welt. Dazu zählten Nietzsche und Gustave Le Bon. Ich traf Menschen aus vielen Ländern. Sie dachten ganz anders als ich. Für mich war das eine echte Befreiung des Denkens. Ich entdeckte: Eine Frage kann viele Antworten haben. Freiheit beginnt mit dem Verstand. Wer nur eine Meinung hört, hält sie für die Wahrheit. Wer viele Meinungen liest, muss selbst denken. Ich begann zu vergleichen, zu zweifeln und zu fragen. Es gibt Zweifel, die lähmen. Und es gibt Zweifel, die antreiben. Mich treiben Zweifel an.
Sie haben in Kairo Jura studiert, nicht Politik oder Philosophie. Das Recht gilt vielen als nüchternes Fach. Bei Ihnen wurde daraus ein Antrieb zum Widerstand. Wie kam es dazu?
Das Studium veränderte meinen Blick auf die Gesellschaft. Ich lernte: Recht und Gerechtigkeit sind nicht dasselbe. Es kann ein Gesetz geben und trotzdem keine Gerechtigkeit. Eine Verfassung kann schöne Sätze über Rechte enthalten. Doch der Mensch kann diese Rechte nicht wirklich ausüben. So ist es in Mauretanien. Das drängte mich Schritt für Schritt zur Menschenrechtsarbeit.
Aus dieser Erkenntnis wurde bei Ihnen konkretes Handeln. Sie gründeten das Netzwerk der Liberalen in Mauretanien. Der Begriff Liberalismus ist dabei schnell missverständlich. Was wollten Sie mit dieser Plattform wirklich erreichen?
Ich war überzeugt: Die Gesellschaft braucht einen echten Raum für Diskussion. Es geht um Freiheit, Minderheitenrechte und Gewissensfreiheit. Ich wollte einen Ort für Widerspruch. Niemand sollte als Feind gelten, nur weil er anders denkt. Liberalismus ist für mich kein bloßer Slogan. Er ist vor allem die Verteidigung der menschlichen Freiheit. Dazu gehört die Freiheit zu glauben. Und die Freiheit, nicht zu glauben. Ich wollte Menschen mit dieser Überzeugung zusammenbringen. Der Staat soll nicht das Gewissen kontrollieren. Rechte bekommt man nicht ohne Preis. Hannah Arendt sprach vom Recht, Rechte zu haben. Genau das war unser Ziel. Alle Mauretanier sollen vor dem Gesetz gleich sein.
Ihre Texte über das Stammes-System machten Sie angreifbar. Am Ende brachten Ihre Ideen Sie ins Gefängnis. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Mein Fokus lag auf dem Stammes-System, das Menschen ungleich macht. Dafür wurde ich verfolgt und verhaftet. Ich musste wegen meiner Ideen ins Gefängnis. Dort erlebte ich den Wert der Freiheit neu. In Freiheit denkt man selten über einfache Dinge nach. Man öffnet eine Tür und geht, wohin man will. Man liest und schreibt, was man will. Im Gefängnis werden solche Dinge zu Symbolen. Meine Überzeugungen habe ich dort nicht aufgegeben. Im Gegenteil: Sie wurden stärker. Menschenrechte sind kein bloßes Wort. Man muss sie verteidigen, auch zu hohem Preis.
Der Staat entzog Ihnen zusätzlich die Staatsbürgerschaft. Für manche Menschen ist das ein Verwaltungsakt. Für Sie war es offenbar mehr. Was hat dieser Entzug mit Ihnen gemacht?
Es war eine der schmerzhaftesten Erfahrungen meines Lebens. Die Staatsangehörigkeit ist mehr als ein Dokument. Sie ist ein Gefühl der Zugehörigkeit. Ein Entzug als Strafe sagt: Du gehörst nicht mehr dazu. Der Staat kann mir den Pass nehmen. Meine Erinnerungen kann er nicht nehmen. Auch nicht meine Kindheit oder meine Sprache. Ich verliere die Staatsbürgerschaft, aber nicht meine Wurzeln.
Ohne Pass und ohne Schutz war ein Bleiben unmöglich. 2018 mussten Sie Ihre Heimat verlassen. Heute leben Sie in Deutschland, weit weg von allem Vertrauten. Wie fühlt sich dieses Exil für Sie an?
Für mich beginnt Exil mit einem Abschied. Ich ließ nicht nur ein Land zurück. Ich ließ einen Teil meines Lebens zurück. Ich denke oft an das Fisch-Reis-Gericht meiner Mutter. Schon sein Duft bedeutete für mich Zuhause. Ich denke an das Kamelreiten in der Wüste. Ich denke an die Nächte unter einem klaren Himmel. Erst aus der Ferne verstand ich den Wert dieser Momente. Am schwersten wiegt eine Sache. Ich kann das Grab meiner Mutter nicht besuchen. Diese Entfernung ist mehr als eine Frage von Kilometern. Heute lebe ich in Deutschland. Für die Sicherheit hier bin ich dankbar. Trotzdem blieb ein Teil von mir in Mauretanien. Ich kann mein Land lieben und zugleich kritisieren. Meine Kritik kommt nicht aus Hass. Sie kommt aus der Hoffnung auf Besserung. Ich habe Mauretanien verlassen. Doch Mauretanien hat mich nicht verlassen.
Ihre Geschichte klingt sehr speziell nach Mauretanien. Vieles davon erinnert aber an andere Länder. Man denkt an Machtkonzentration, an Verfolgung, an unterdrückte Minderheiten. Ist Mauretanien wirklich ein Ausnahmefall?
Nein. Mauretanien erhält nur wenig internationale Aufmerksamkeit. In vielen Ländern liegt die Macht bei einer kleinen Gruppe. Mal ist es die Ethnie, mal die Armee. In Mauretanien kommt religiöser und sozialer Einfluss hinzu. Die eigentliche Frage reicht über das Land hinaus. Was geschieht, wenn eine kleine Gruppe mehr Rechte beansprucht? Diese Frage betrifft viele Gesellschaften.
Sie hätten nach all dem verstummen können. Stattdessen schreiben Sie über andere, die kaum jemand hört. Ihr Blick richtet sich auf die Unsichtbaren einer Gesellschaft. Warum ist Ihnen genau das so wichtig?
Ich habe gesehen, wie eine Diktatur Menschen unsichtbar macht. Ein einziges Wort kann dich ins Gefängnis bringen. Der Mensch wird zur bloßen Kategorie. Er gilt als Klasse, als Stamm, als Religion oder Geschlecht. Doch hinter jedem dieser Worte steht ein Mensch. Ein Mensch mit Namen, Geschichte und Würde. Mit meinem Schreiben rücke ich diesen Menschen in den Mittelpunkt. Ich will nicht nur über Menschen sprechen. Ich will ihre Stimme sein.
In Ihnen stecken zwei Rollen zugleich. Der Aktivist will verändern, der Autor will verstehen. Das kann sich auch widersprechen. Wie bringen Sie beide Seiten in Ihren Büchern zusammen?
Beides ist untrennbar. Der Aktivist sagt: Das ist ungerecht. Der Autor fragt: Wie kam es zu dieser Ungerechtigkeit? Das zeigt sich in meinen beiden Büchern. In „Freie Menschen kann man nicht zähmen“ klage ich die Verhältnisse an. Ich will die Leser zum Mit- und Umdenken bewegen. In „Stimmen aus der Stille“ gebe ich Frauen eine Stimme. Es sind unterdrückte Frauen mit Sehnsucht nach Bildung und Freiheit. Ich will ihre verborgene Lage sichtbar machen. Und ich will einen Weg aus der Unterdrückung zeigen. Der Aktivist will Veränderung. Der Schriftsteller will verstehen. Ich brauche beides. Ich möchte nicht, dass der Leser mir zustimmt. Ich möchte, dass er nachdenkt.
Von Ihnen stammt ein starker Satz. Die Macht der Worte könne die Macht der Kugeln überwinden. Das ist eine große Behauptung angesichts realer Gewalt. Woher nehmen Sie diese Überzeugung?
Eine Kugel kann einen Menschen töten. Ein Gefängnis kann einen Körper einsperren. Der Staat kann die Staatsbürgerschaft entziehen. Aber den Gedanken fängt er nicht so leicht. In Kairo las ich Autoren, die ich nie traf. Manche waren tausende Kilometer entfernt. Manche waren längst gestorben. Trotzdem erreichten mich ihre Ideen. Das lehrte mich: Ideen kennen keine Grenzen. In Diktaturen kann das Wort die Kugel überwiegen. Verfolgung bringt Menschen zum Schweigen. Doch ein Text kann tausend andere zum Sprechen bringen.
Zum Schluss die vielleicht einfachste und zugleich schwerste Frage. Sie haben für Ihre Worte einen hohen Preis gezahlt. Trotzdem schreiben Sie weiter, Tag für Tag. Warum tun Sie das?
Ich weiß aus eigener Erfahrung, was ein Buch bewirken kann. Nur wenige Mauretanier schreiben über die Lage im Land. Diese Aufgabe trage ich mit. Ich will der Welt die Stimme der Mauretanier vermitteln. Ein Schriftsteller kann ein Fenster in eine geschlossene Wand öffnen. Manchmal beginnt Veränderung mit einem einzigen mutigen Satz. Nämlich, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben.
Yahya Ekhou – Jurist und Autor im Exil
Yahya Ekhou wurde 1990 in Mauretanien geboren. Er ist Jurist und Autor. Er wuchs in einer sunnitisch-muslimisch geprägten Stammesgesellschaft auf. Vorgesehen war er als künftiger Stammesführer. Sein Jurastudium führte ihn nach Kairo. Später gründete er das Netzwerk der Liberalen in Mauretanien. Wegen seines Engagements wurde er verfolgt und inhaftiert. Auch seine Staatsbürgerschaft verlor er. 2018 floh er nach Deutschland. Heute ist er Vorsitzender der Säkularen Flüchtlingshilfe Deutschland. Zudem ist er Gründungsmitglied des Arbeitskreises Politischer Islam. Er wendet sich gegen die Bestrafung von Abfall vom Glauben. Er setzt sich für säkulare Geflüchtete ein. Von ihm erschienen zwei Bücher. „Freie Menschen kann man nicht zähmen“ kam 2022 heraus. „Stimmen aus der Stille“ folgte 2025. Den Palm-Preis 2026 teilt er sich mit Natalja Kljutscharjowa. Beide erhalten je 10.000 Euro. Die Verleihung ist am 29. November 2026 in Schorndorf.