Kunstkurs der Johann-Philipp-Palm-Schule gestaltet Bilder für die Palm-Preisträger 2026.
Wie interessiert man Jugendliche für die Demokratie? Schülerinnen und Schüler sollen sich intensiv mit einem Thema auseinandersetzen. Sie sollen die Preisträger direkt kennenlernen und selbst eine Ausstellung konzipieren. Die Preisverleihung bietet ihnen dafür eine Bühne. So beschreibt Sylvia Kammerer von der Palm-Stiftung das Ziel. Ende November ehrt die Stiftung wie alle zwei Jahre zwei herausragende Personen. Sie setzen sich mit ihrem Leben und ihrer Arbeit für Meinungs- und Pressefreiheit ein. Bei der Feier sollen junge Menschen mit eigenen Kunstwerken zu Wort kommen. Drei Schulen machen mit. Kunstlehrerin Ina Schulz von der Johann-Philipp-Palm-Schule entwickelte daraus ein Projekt für ihre Kunstkurse. Ein Besuch im beeindruckenden Kunstkeller der Schule:
Auf den Tischen liegen ausgeschnittene Papiervögel. Auf Platten trocknet Farbe. Eine Gruppe beugt sich über ihr Bild mit großen Lettern und sortiert Zitate. Welche Botschaft kommt an welche Position? Die kreative Anspannung ist im Raum greifbar. Im Kunstkurs entstehen Werke für zwei mutige Menschen.
Die 13. Klasse des Schorndorfer Wirtschaftsgymnasiums gestaltet Bilder zu den beiden Palm-Preisträgern 2026. Seit dem Frühjahr arbeiten die Jugendlichen daran, einmal pro Woche für zwei Stunden. Mehrere Hände kleben, skizzieren und malen an den Motiven für Yahya Ekhou. Der Jurist ist aus Mauretanien geflohen. Er tritt für Gewissensfreiheit ein und für das Recht, nicht zu glauben. In seiner Heimat wird er dafür verfolgt.
Gesprengte Ketten und Vögel als Zeichen der Freiheit
Canel Kücükcolak ist 20 Jahre alt. Er erklärt, was da entsteht: „Das Bild erzählt Ekhous Weg von der Heimat bis nach Deutschland.“ Die mauretanische Flagge steht für die Herkunft. Ein Gesichtsausschnitt blickt hinter einem Stacheldrahtzaun hervor. Er hat keinen Mund, also keine Stimme. Gesprengte Ketten zeigen die Flucht. Vogelfedern stehen für Freiheit. Auf einem anderen Motiv sind Menschen zu sehen, die sich gegenseitig aus der Gefangenschaft ziehen. In Sprechblasen sollen noch Texte stehen. Alles ist ein bisschen wild und im Werden.
Für Canel Kücükcolak ist Kunst eine Leidenschaft „und meine Art, mich zu öffnen“. Privat malt er für die Familie und auf Reisen. Nach dem Abitur könnte er sich ein Architekturstudium vorstellen. Asiye Karaaslan ist 18 Jahre alt. Warum hat sie sich für Ekhou und sein Leben im Exil entschieden? Seine Geschichte habe sie angesprochen. Sie denkt an Menschen, die wegen ihrer Religion oder ihres Aussehens verfolgt werden. „Sowas sollte es nicht mehr geben, im 21. Jahrhundert“, sagt Asiye Karaaslan.
Ausprobieren, verwerfen, abschauen
Im Kunstraum werden Collagen gelegt und wieder umgestellt. Die Ideen wandern. Einen schweren Stiefel und eine Spielzeugpistole haben die künftigen Abiturienten aus dem Theaterraum geholt. Ein Fußabdruck soll vielleicht noch aufs Bild. Die Pistole zieren Blumen. Gefällt eine Idee am Nachbartisch, wird sie übernommen. Kunstlehrerin Ina Schulz sieht das gelassen: „In der Kunst darf man abgucken.“
Anfangs gab es zwei Kurse. Der Vormittagskurs wählte Yahya Ekhou, der Nachmittagskurs arbeitete zu Natalja Kljutscharjowa. Die russische Schriftstellerin floh 2023 nach Deutschland. Auf einer der Collagen ist der russische Bär zu sehen. Ausgeschnittene Motive mit Putin und Russland liegen schon bereit. In der 13. Klasse haben jedoch viele Kunst abgewählt, wegen des Abiturs. Die Kurse wurden daher zusammengelegt. Von 21 Schülerinnen und Schülern ist am Ende ein Dutzend geblieben, das die Werke vollenden. Nun entstehen drei Arbeiten zu Ekhou und zwei zu Kljutscharjowa.
Bilder zum Mitnehmen
Gearbeitet wird auf Holz, beschichteten Leinwandplatten und echter Leinwand. Mit Acrylfarben werden die Motive auf die 50 mal 50 Zentimeter großen Platten gepinselt. Verbunden werden sie rückseitig mit Gaffaband. „Erstmals gestalten die Gymnasiasten für die Geehrten eigene Werke“, sagt Schulz. Interviews mit früheren Preisträgern habe es schon gegeben. „Ich finde die Idee ganz toll, weil die Schüler dann näher dran sind“, sagt die Lehrerin. So erführen sie mehr über Presse- und Meinungsfreiheit und die Arbeit der Palm-Stiftung.
Der Palm-Preis
Die Stiftung verleiht den Johann-Philipp-Palm-Preis für Meinungs- und Pressefreiheit alle zwei Jahre. Die Verleihung ist am 29. November in der Barbara-Künkelin-Halle. Yahya Ekhou und Natalja Kljutscharjowa erhalten je 10 000 Euro. Namensgeber ist der Buchhändler Johann Philipp Palm. Er wurde 1806 auf Befehl Napoleons hingerichtet.